Corona 13: Die Klugheit der Frauen

Zu Boccaccios ‚Decamerone‘

Der Boden, auf dem die größtenteils heitere, aus den vielversponnenen Molekularbewegungen des Eros zusammengesetzte Geschichtensammlung des ‚Decamerone‘ errichtet wird, ist klaffend, düster, ja eigentlich bodenlos. Es ist die Pest, die Florenz überfällt und verheert. Nicht allein, dass sie nach Schätzung des Erzählers fast die gesamte Einwohnerschaft der Stadt, etwa 100.000 Menschen, zu Tode bringt. Mit ihr zerfallen alle Werte und Ordnungen zu Staub. Es ist nicht einmal so, dass noch gezeigt werden könnte, wie das Gebäude der heiligen apostolischen Kirche geschleift wird; es ist als hätte es nie existiert oder doch zumindest, als läge seine Demontage in unvordenklicher Vorzeit. Die Kirchen sind seit langem Ruinen, die Priester Marionetten in dem Augenblick, in dem der Vorhang sich öffnet; und dass in den Novellen selbst Geistliche praktisch nur noch als notgeile oder geldgierige Karikaturen in Erscheinung treten, zieht daraus die Konsequenz: es sind die invertierten Restbestände eines Standes, von dem nichts weiter geblieben ist als lächerliche Körperreflexe.

Auf diesem Zerfall wird eine neue Ordnung errichtet. Der Hergang ist wahrscheinlich bekannt: Sieben junge Frauen fassen den Entschluss, dem allgemeinen Sterben zu entrinnen und sich auf ein Landgut zurückzuziehen, das ihnen mehr Sicherheit verspricht als die verwüstete Metropole. Das bleibt notierenswert. So wie es bei uns im Augenblick überwiegend die Frauen sind, die dafür sorgen, dass die Gesellschaft überhaupt noch funktioniert, weil sie auf dem meist schlechtbezahlten Feld der materiellen Selbstreproduktion tätig sind, sind sie es immerhin, von denen bei B. der erste und entscheidende Anstoß ausgeht, die sich selbst verschlingende Gesellschaft des Mittelalters zu verlassen, sich zu retten und etwas Neues zu versuchen, das gerade nicht auf den wer weiß wie stark nachwirkenden Trümmern der Vorgeschichte errichtet wäre. Richtig ist, dass sie sich dafür drei junge Männer als Begleiter ausersehen. Sie sollen sie schützen, bleiben aber mit Bedacht in der Minderzahl. Sie machen die Säkularzahl 10 komplett und stehen nur insofern nicht in der zweiten Reihe, als es Boccaccio im weiteren daran gelegen ist, den Geschlechtsunterschied zu verwischen. Wenn erzählt wird, ist es nicht mehr so wichtig, wer die Einzelnen sind und welchem Geschlecht sie zugehören. Ganz im Unterschied zu den Geschichten, die uns von ihnen erzählt werden, leben die zehn jungen Menschen selbst in einer überraschend keuschen Gemeinschaft. So delikat vielleicht die Fantasien gewesen sein mochten, die B. bei seinen Leserinnen und Lesern durch die Kombination von 7 Frauen und 3 Männern auslöste: de facto läuft nichts. Alle erotische Energie, die in diesen lebenslustigen Menschen zirkuliert, wird offenbar in ihre Geschichten verschoben. Die gehen mit ihr dafür umso freimütiger um. Vor uns baut sich eine monumentale Sublimationsleistung auf. Ihre Besonderheit ist, das B. ihre erotische Grundlage keineswegs verschweigt und die Interpreten nicht gezwungen sind, sie sich bruchstückweise zusammenzuanalysieren und von Symptomen auf ihre angenommene Ursache zurückzuschließen. Er zeigt nicht bloß das Endprodukt eines psychischen Vorgangs, nenne man ihn nun Sublimation oder Verdrängung: er zeigt den Vorgang selbst und bringt damit auch die Gestehungskosten des durch ihn begründeten Erzählens in die Erscheinung. Das ist so großartig, wie man es sich nur denken kann. Denn es enthält die Möglichkeit einer Kultur, die ihr Verdrängungsfundament infrage stellt.

Die zehn jungen Leute fliehen also aus der Stadt (und Boccaccio steht nicht an, diesen Vorgang einige Seiten vorher als „grausam“ zu bezeichnen). Sie versammeln sich in einem hortus conclusus kultivierter Natur – wie bei Ovid [Ars Am. III, 127] ein Gegenbegriff zu der Kultur, die auf Unterdrückung der Natur basiert. Sie geben ihrem Tagesablauf Regeln, die ihnen reihum wechselnde Aufgaben zuweisen (ähnlich wie in einer WG, die Arbeitsteilung, aber keine Hierarchie kennt). Und sie erzählen einander Geschichten, die zum Teil unter ein bestimmtes Motto gestellt werden, zum Teil ad libitum erzählt werden können, Regel und Regellosigkeit also selbst in einer Regel verknüpfen. Aus diesen Regeln, die man sich selbst gibt, vor allem aber auf dem Unmaß der diskontinuierlich miteinander verflochtenen Geschichten, die meistenteils vom ‚Triebgrund‘ und aus ihm heraus erzählen, formt sich der Umriss einer säkularen Kultur, die sich auf ihn stellt, weil aller spirituelle Überbau zerschlagen wurde. Das ist nicht das Ende, sagt Boccaccio, es ist nur ein Ende und trotz der furchtbaren Gräuel, die zu Beginn geschildert wurden; trotz des leisen Zynismus, mit dem sich die junge Feudalaristokratie so darüber hinwegsetzt (wie sich vielleicht auch jetzt die vermögende Intelligenzia auf ihre Landhäuser zurückziehen kann); trotz all der moralischen Bedenklichkeit, die diesen Epochenriss begleitet, ist dieses Ende in Boccaccios Augen zu begrüßen, weil es zu einem neuen Anfang hinüberführt. Den macht sich die Elite selbst. Aber muss er deswegen per se schlecht sein? Noch einmal ist Gewicht auf das zu legen, was zählt und was die Menschen in solchen Zeiten miteinander verbindet und zu neuen sozialen Mustern fügt: Gleichheit und gemeinsame Arbeitsteilung statt ihrer hierarchischen Verordnung; Sprache und Erzählung als materieller Geist, der aus den Körpern kommt statt sie zu unterwerfen. Und zu achten bleibt wohl auch darauf, dass die Initiative zu solch säkularer Selbstbegründung von den Frauen ausgeht. Das müssen in Zeiten des sozialen Geschlechts keine Frauen im biologischen Sinne sein: wozu auch? Gemeint ist ein bestimmter Typus von Klugheit, der Natur und Geist in ein anderes Verhältnis fügt als dies von der herrschenden, üblicherweise der männlichen Kultur getan wird.

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