Corona 15: 27.436

Wolfram Ette

„Die Zahl der bestätigten Coronainfizierten ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts innerhalb eines Tages um 4.764 Fälle gestiegen. Demnach haben sich inzwischen 27.436 Menschen mit dem Virus infiziert. Die Zahl der Toten stieg um 86 auf 114. Laut der amerikanischen Johns Hopkins Universität gibt es rund 29.000 Infizierte in der Bundesrepublik, 123 seien an der Lungenkrankheit gestorben. Die unterschiedlichen Zahlen seien unter anderem darauf zurückzuführen, dass verschiedene Daten als Grundlage verwendet werden.“ (Deutschlandfunk, 24. März 2020, 8-Uhr-Nachrichten)

So geht das seit Tagen. Man hat sich daran schon gewöhnt. Das Robert-Koch-Institut, so kommt das an, liefert die exakten Zahlen mit deutscher Gründlichkeit, während die ansonsten ja renommierte Johns Hopkins University nur ungefähre Werte anzubieten hat. Aber wie könnte sie, weitab vom Geschehen und, mit welchem Recht auch immer, andere Daten als wir verwendend, zu einer besseren Einschätzung der Lage gelangen als unser Robert-Koch-Institut (dessen Name an eine Zeit erinnert, in der die deutsche Medizin weltweit führend war und sich den Ruhm nicht mit einer amerikanischen Universität teilen musste)? Ist das fast schon nicht eine Einmischung in innere Angelegenheiten? Die deutschen Zahl beruhigt. Aber was für eine Anmaßung steckt dahinter, zu behaupten 27.436 Menschen seien zur Stunde mit dem Virus infiziert. Denn wenn eines feststeht, dann wohl, das in dem Moment, in dem das Robert-Koch-Institut diese Meldung herausgegeben hat, nicht 27.436 Menschen mit dem Coronavirus infiziert waren, sondern natürlich viel mehr. Die Zahl gibt ja bloß die getesteten, die „bestätigten“ Infizierten wieder. Die Zahl der nicht registrierten, ja nicht einmal auffällig gewordenen Infizierten, wie etwa der vielen Kinder, die die Krankheit praktisch symptomfrei überstehen, ist nicht erfasst und kann es auch gar nicht sein. Es ist so, als würde die nachgeschobene Zahl der von der Johns Hopkins University erfassten Fälle – die auf anderen Daten, aber demselben Prinzip beruht –, das schlechte Gewissen darüber zum Ausdruck bringen, dass es mit der so genau und gründlich wirkenden Angabe des Robert Koch Instituts keine Richtigkeit haben kann. Einmal, weil sie selbst ungenau ist. Es ist die Rede von „rund 29.000 Infizierten“ in der Bundesrepublik. Zum anderen, weil sie höher ist. Denn egal, wie ungenau die genaue Zahl des Robert-Koch-Instituts ist: Sie ist zu niedrig. Und daran erinnert die höhere, wenn auch ebenfalls zu niedrige Zahl der Johns Hopkins University.

Seit Tagen höre ich die Nachrichten des Deutschlandfunks, zumeist morgens und abends. Häufig kommt dort der Hinweis auf die unterschiedliche Datenbasis des Robert-Koch-Instituts und der Johns Hopkins University. Erklärt hat es mir niemand. Ist es so schwer zu verstehen? Auf einer erklärenden Seite des Deutschlandfunks heißt es: „Das Robert Koch-Institut bezieht sich auf offizielle Meldungen der Gesundheitsämter und der zuständigen Ministerien der Bundesländer. Die Meldungen laufen beim RKI etwas verzögert ein. Die von der Johns Hopkins Universität veröffentlichten Daten stammen von der Weltgesundheitsorganisation sowie von nationalen Einrichtungen. Zudem wertet die Universität auch Berichte von lokalen Medien aus.“ Wie hat Karl Kraus gesagt? „Je länger man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.“ So geht es mir mit diesen Sätzen. Worin besteht genau der Unterschied? Wohl schwerlich darin, dass die amerikanische Universität sich nicht auf „offizielle Meldungen“ bezieht. Es wird allerdings suggeriert. Die Johns Hopkins Universität arbeite, so hören wir mit, auf der Basis von inoffiziellen, das heißt unseriösen Zahlen. Das ist freilich nicht so gesagt und nicht so gemeint. Der Unterschied, so scheint mir, wird an einer anderen Stelle gemacht: Die Gesundheitsämter sind in Deutschland den Kommunen, die Gesundheitsministerien, wie es ja auch da steht, den Ländern zugeordnet. Demgegenüber bezieht sich die Johns Hopkins University auf nationale und internationale Einrichtungen wie die Weltgesundheitsorganisation. Was aber hat die WHO an dieser Stelle zu suchen, wo es um die Zahlen für Deutschland geht? Und auf welchen Daten basieren die Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation? Und was für „nationale Einrichtungen“ könnten gemeint sein? In Deutschland kommt ja nur das Robert-Koch-Institut in Frage, das im Fall von Epidemien den deutschlandweiten Ansprechpartner darstellt.

So komme ich mir vor wie ein Kind, dem bedeutet wird, es könne das nicht verstehen und sei noch zu klein für derlei Erwachsenenangelegenheiten. Gleichzeitig wie ein Kind, das von seinen Eltern belogen wird. Die denken sich irgendwelche Zahlen aus, um mich zu beeindrucken. An die Stelle falscher Zahlen setzen sie andere falsche Zahlen. Das Ganze ist ein System, das alles Nachfragen, alle weitere Erkenntnis blockieren soll. Ich fühle mich entmündigt.

3 Kommentare zu „Corona 15: 27.436“

  1. Auf der Webseite der Stadt Bochum (zum Beispiel) wurde gestern gemeldet, daß dort mittlerweile vier Personen an Krankheiten gestorben seien, bei denen das Coronavirus eine entscheidende Rolle gespielt habe. Im Dashboard des RKI war gestern für Bochum ein Todesfall verzeichnet, heute wissen sie dort von zwei Toten in Bochum. Dies ist nur ein mir zufällig aufgefallenes Beispiel, an dem sich zeigt, wie schwierig es offenbar ist (oder welche Schwierigkeiten das RKI zur Zeit damit hat), die Daten aus allen Städten und Landkreisen tagesaktuell zusammenzuführen.

    Die Datenlage ist für die Todesfallstatistik, die mit eigenen Unsicherheiten behaftet ist, wie für die Statistik der Infizierten bzw. positiv Getesteten offenkundig unvollständig. Doch immerhin ist sie aussagekräftig genug, daß aus diesen Daten einiges erkannt werden kann über die Ausbreitung des Virus. Der Wunsch nach vollständigen und gesicherten Informationen ist verständlich, aber weltfremd. Denn die Gewinnung gesicherter empirischer Informationen ist Arbeit und unterliegt allemal den Knappheitsbedingungen der nachparadiesischen Welt sowie in der aktuellen Lage zusätzlichen Einschränkungen durch Seuchenschutzmaßnahmen und Krankenstand. Es müssen Teams überall im Lande ausgerüstet und ausgebildet sein, um in geeigneten Räumen Proben kontaminationsfrei einzusammeln, dann müssen Labore bereitstehen, in denen große Zahlen von Proben ausgewertet werden können, was beim aktuellen Test einige Zeit dauert, dann müssen hunderttausende von Daten aus den Laboren zusammengeführt und ausgewertet werden. Wenn regelmäßig am Wochenende weniger Infizierte gemeldet werden als unter der Woche, könnte das damit zu tun haben, daß am Wochenende weniger getestet wird, sei es, weil weniger Leute zum Testen kommen, oder weil in den Laboren nur die halbe Belegschaft arbeitet, oder am Meldeverzug einiger örtlicher Gesundheitsämter. Die täglich gemeldeten Test-Zahlen informieren über einen (mehr oder weniger breiten) Ausschnitt aus dem Stand der Ansteckung vor ca. einer Woche, was in einer exponentiellen Wachstumskurve den Ereignissen erheblich hinterherhinkt.

    Niemand würde bezweifeln, daß die Zahl der Infizierten deutlich höher ist als die Zahl der positiv auf SARS-CoV2 Getesteten. Doch niemand weiß, um welchen Faktor. Dunkelziffern sind nun mal obskur. Immerhin meint Christian Drosten, daß die Dunkelziffer in Deutschland weniger hoch sein dürfte als vermutlich in Italien oder Spanien, wo man angesichts der hohen Todesfallzahlen wohl mindestens vom Zehnfachen der gemeldeten Infektionszahlen ausgehen müsse. In Deutschland werde mehr getestet, und ca. 90% der Tests (die aufgrund der begrenzten Kapazitäten nur an Personen vorgenommen werden, bei denen ein begründeter Verdacht auf eine Ansteckung besteht) haben ein negatives Ergebnis. Doch es ist auch bekannt, daß z. B. enge Angehörige von nachgewiesen infizierten Personen nicht mehr getestet, sondern als wahrscheinlich Infizierte direkt zur Quarantäne verpflichtet werden, aber in den Tabellen der positiv Getesteten nicht erscheinen. Die Zahlen des RKI sind – wenn auch unvollständig – doch sehr informativ, u.a. durch die feine Aufschlüsselung der regionalen Differenzen nach Städten und Landkreisen.

    Wenn man bei den Zahlen der Johns-Hopkins-University, die z.B. auf der worldometer-Übersichtsseite, deren URL leicht zu finden ist, aber in diesem Forum leider nicht genannt werden darf, stündlich aktualisiert erscheinen, den „source“-Links nachgeht, zeigt sich, daß sie für Deutschland im wesentlichen auf der Datensammlung der Berliner Morgenpost basieren. Dort haben sie anscheinend eine Software, die Meldungen aus zahlreichen lokalen Stellen sammelt und aggregiert. Damit scheinen sie schneller voranzukommen als das RKI mit seinem Informationsmanagement. Wie sie bei der Morgenpost die Möglichkeit einer Doppelzählung bereits eingerechneter Fälle ausschließen, weiß ich nicht. Die Aufgabe dürfte recht komplex sein, wie sich andererseits auch bei den Nachmeldungen auf dem Dashboard des RKI zeigt, wo gerade die Zahlen für die letzten drei Wochen nachträglich nach oben korrigiert wurden, aber weiter um über 3000 Infektionsfälle und 24 Todesfälle unterhalb der Zahlen der Morgenpost liegen.
    Angesichts der notwendigerweise unvollständigen Informationslage in einem derart komplexen Prozeß sind die Diskrepanzen zwischen den von verschiedenen Stellen aggregierten Daten kein Grund zur skeptischen Resignation (die einen sagen so, die anderen so; nichts genaues weiß man nicht), sondern ein wichtiger Hinweis auf die Dynamik der Entwicklung und ein notwendiges Korrektiv gegen die verbreitete Neigung, bestimmte Zahlen überzubewerten.

    Wichtiger als die Frage, wieviele positive Tests „genau“ an einem bestimmten Tag zu verbuchen waren, ist die Beobachtung der Wachstumsdynamik: Steigt sie weiter an? Verlangsamt sie sich? Geht sie zurück? Irgendwann wird sie zum Erliegen kommen und die meisten Kranken werden genesen. Aber ob die Geschichte, die wir bis dahin durchlaufen, eher der in Südkorea ähnelt oder eher der in Italien, ist alles andere als gleichgülitg.
    Eine Information darüber, ob die Maßnahmen, die wir uns auferlegt haben, schon ausreichen, um die Wachstumsdynamik zu bremsen, oder ob wir uns u.U. noch einschneidendere Einschränkungen zumuten müssen und wann und wo die Einschränkungen vielleicht auch wieder gelockert werden können, werden wir nur durch die aggregierten Zahlen erhalten können, so suboptimal sie auch immer sind.

    1. Vielen Dank für diesen Kommentar. Dass die Zahlen der JHU der Morgenpost entnommen sind, wusste ich nicht.
      Der Punkt indes, auf den es mit ankam und ankommt, ist ein anderer. Ich weiß auch, dass Exaktheit in dieser Situation nicht zu haben ist. Mich stört, dass sie vorgespiegelt wird. Mich stört die Rhetorik der Zahlen, die ein Wissen, also eine Beherrschbarkeit vorgaukeln, die es nicht gibt.
      Aussagekräftig sind in der Tat die Zahlenverhältnisse, also etwa das tägliche Anwachsen der Zahl infizierter Menschen, aber auch das ergibt natürlich nur Sinn, wenn man es ins Verhältnis setzt zur Zahl der täglich durchgeführten Tests. Wenn Wodarg-Anhänger darauf verweisen, dass diese Zahlen nicht genannt werden und dass (ich hab es nicht nachgeprüft) auch schwer an sie ranzukommen ist, dann ist das wirklich ein Problem.
      Etwas mehr Vorsicht, auch und gerade in den Nachrichten, würde ich mir wünschen. Freud hat von der großen Enttäuschung gesprochen, die das wissenschaftliche Weltbild den Menschen bereitet: dass sich nämlich der Bereich dessen, worüber man nichts oder nichts Genaues weiß, unmäßig vergrößert. Diesen Realismus vermisse ich, wenn mit Zahlen jongliert wird, die es nicht gibt.

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