Corona 21: Steigender Verdruss

Fragen

So vieles verstehe ich nicht. Das jetzt der Erhalt von Menschenleben oberste Priorität haben soll, klingt ja gut. Aber bisher war das System nicht zimperlich. An den Kapitalismus mit menschlichem Antlitz glaube ich nicht. Handelt es sich um eine kollektive Angstreaktion vor einem Prozess, der sich nicht kontrollieren lassen könnte? Vollzieht sich der Wechsel von der Wirtschaft zur Wissenschaft als leitendem Paradigma politischer Prozesse aus Not und Hilflosigkeit? Gleichwohl laufen die wirtschaftlichen Prozesse weiter und es kann gut sein, dass wir in eine neue Stufe der Monopolisierung eintreten. Die kleinen Unternehmen werden sterben wie die Fliegen. Die Umwelt wird gleichwohl eine Zeit lang aufatmen. Auf welchem Tag in diesem Jahr wird wohl der Earth overshoot day fallen? Wie lange werden wir brauchen, um das wieder aufzuholen? Klar ist ja: wenn diese Krise überstanden ist, wird nur noch eines zählen: Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft. Fuck climate! Fuck Nachhaltigkeit! Wir haben größere Sorgen und die Klimanörgler sind erst einmal abgeräumt.

 

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Über Zynismus

»Bundesminister Scholz betonte im ARD-Fernsehen, es gehe darum, Leben zu retten. Der SPD Politiker nannte es zynisch, dass gesundheitliche hinter wirtschaftlichen Fragen zurücktreten sollten« (Deutschlandfunk, 9 Uhr Nachrichten, 30. März 2020). – Ohne Zweifel. Es ist zynisch, dass in Deutschland jeden Monat 250 Menschenleben der Autoindustrie vorgeworfen werden und das statistische Bundesamt darauf hinweist, dies sei der niedrigste Wert seit Jahren. Es ist zynisch, Kriege als Beutezüge, also wegen wirtschaftlicher Fragen zu führen und noch aus dem ökonomischen Wiederaufbau der zerbombten Länder Profit zu schlagen. Es ist zynisch, Kinder in Minen und Textilfabriken verrecken zu lassen, rumänische Arbeiter in der Fleischindustrie mit 8 Euro am Tag zu entlohnen und Zimmermädchen immerhin mit 2,45 die Stunde. Es ist zynisch, den Planeten, auf dem wir leben, wegen wirtschaftlicher Fragen so zu verwüsten, dass er zu einer Frage der Gesundheit wird. Es ist zynisch, wenn solche Sätze von dem Minister einer Weltgesellschaft geäußert werden, die den Reichtum der einen mit der Armut der anderen erkauft und sich um die Gesundheit der industriellen Reservearmee nur insoweit zu sorgen hat, als das Angebot nicht geringer werden darf als die Nachfrage. All das ist aber harmlos. Wir kennen das und haben uns schon lange daran gewöhnt. Aber so zu tun, als sei dies eine allgemeine Maxime, die schon immer gegolten habe, und die Lebensrettung der Normalzustand einer Gesellschaftsform, die das menschliche Leben dem Profit unterjocht und wenig andere Freiheit kennt als die Freiheit der Rendite, schreit zum Himmel. Dieser Himmel war bislang mit ökonomischen Kennziffern verhängt. Jetzt, in dieser großen Zeit, lacht die Sonne der Menschlichkeit und im Wind flattern humanistische Spruchbänder. Jetzt können wir wieder Vertrauen fassen in eine Politik, der wir es fälschlich entzogen hatte. Nur scheinbar unterwarf sie uns in den letzten Jahrhunderten dem Diktat wirtschaftlicher Fragen. Seit je standen, so verstehen wir jetzt, gesundheitliche Fragen im Vordergrund, immer schon verfolgte sie kein anderes Ziel als das, Leben zu retten. Wie haben wir uns geirrt. Die brutale Durchökonomisierung des Gesundheitssektors, die das Retten von Leben zum Kollateralnutzen des Mehrwerts abwertete, war ein falscher Eindruck, eine perspektivische Verzerrung; allenfalls ein systemirrelevanter Irrläufer, der über das Wesen dieser besten aller Welten nichts besagt. Jetzt, in der Krise, kommt die wahrhaft menschliche Fratze der Welt, in der wir leben, zum Vorschein.

 

Wolfram Ette        

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