Corona 22: Grundbedürfnisse

Unser täglich Brot gib uns heute. Gib auch ein Zuhause. Und vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren Schuldigern.

So kann man heute nicht mehr sprechen, obwohl die Bitten weiterhin stimmen. Denn man müsste jetzt schreiben: Gib, dass die Produktions-, Transport- und Vertriebsketten für’s täglich Brot trotz des Virus nicht abreißen. Gib, dass die Gewerkschaftsvertretungen der Kassiererinnen in den Supermärkten nicht deren Streik initiieren (sie hätten allen Grund, in ihn einzutreten). Gib, dass die Spekulationsgeschäfte zurückgehen und angesichts der bevorstehenden Rezension die Politik nicht gerade Maßnahmen zugunsten der Immobilienbesitzer beschließt.

Die Grundbedürfnisse! Wo sind die hin? Keine Wiederentdeckung des Einfachsten, sondern konkrete Bestätigung des Komplexen, das Voraussetzung des sehr wohl Einfachen ist (unser täglich Brot), das aber zugleich eben durchaus nicht einfach ist.

Und dann auch noch die Schuld! Und Vergebung! Da gilt leider Gottes genau das Gleiche. Man weiß sich integriert in komplexeste Rückkopplungsstrukturen, in denen so etwas wie Schuld kaum noch greifbar wird (höchstens monetär, da bezifferbar, siehe oben, Stichpunkt Mietpreise). Aber das Vaterunser hatte ja keine Mietpreisdeckelung, hat auch nicht die Regelung von Ladenöffnungszeiten in Krisenzeiten oder die Festlegung neuer Zahlungsfristen bei momentaner Insolvenz gemeint. Bei Gott! Das nicht!

Demnach gilt, dass die hochgradige Ausdifferenzierung beruflicher Kompetenzen und die Arbeitsteilung ungehemmt vollkommene Unschuld schaffen. Niemand ist als Schuldiger greifbar. Zwar sind Entscheidungen getroffen worden (und viele falsche), aber diese auf einen oder wenige Schuldige zurückführen zu wollen, würde aus dem Vaterunser eine Verschwörungstheorie machen.

Insofern bleibt eigentlich nur noch die Frage nach einem selbst übrig. Aber auch die ist nicht mehr recht greifbar. Schuld? Vergebung? Von was? Was habe ich denn getan?

So entspricht das Vaterunser heute zwar irgendwie einem Ruf nach Aufrechterhaltung der sozialen und ökonomischen Strukturen, die Voraussetzung für die Deckung unserer Grundbedürfnisse sind, zugleich aber auch – als Ausdruck eines »geistigen Hungers«, wenn man’s mal so schön altmodisch sagen will – der Bitte um eine neue Einfachheit und Durchschaubarkeit. Also um etwas Unrealistisches. Es sei denn, man sieht in den »Märkten der Nähe«, auf dem der Bauer von nebenan seine Produkte feilhält, einen ersten Schritt hin zum althergebrachten Kontakt zum »täglich Brot«.

Bleibt aber über das Brot hinaus so vieles, bei dem Einfachheit nicht zu erreichen ist. Woraus notwendig folgt, dass das Beten zwar gut und gern dieses vielleicht gar nicht einmal neue Grundbedürfnis anzeigen mag – nämlich das nach Vereinfachung –, dass aber die Hoffnung auf seine Deckung reine Sentimentalität bleibt. Daraus folgt wiederum, dass man das Beten gleich wieder sein lassen kann. Der Supermarkt öffnet heute schon um 7 Uhr 30.

Anne Peiter       

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