Corona 23: Begegnungen südlich und nördlich des Äquators

Dankbarkeit

Kleiner Spaziergang im engsten Umkreis des eigenen Viertels, jeden Tag von Neuem, oft unterbrochen von Begegnungen mit den immer gleichen Menschen, die wie wir einem bestimmten Rhythmus folgen, mit Arbeit und Essen, Schule und Spazierengehen zu festen Tageszeiten.

Doch heute eine neue Begegnung. Ein Mann mit einer Riesenmaske. Man sieht nur die Augen, das übrigen Gesicht ist bis weit hinauf zu den Ohren abgedeckt. Wir grüßen, auch darin einem Ritual folgend, in dessen Zentrum der Wunsch steht, Solidarität zu zeigen, ohne Unterschiede zu machen: Man bleibt zwar körperlich in Distanz, stellt verbal aber die Nähe her, die früher zwischen den Körpern normal war.

Doch heute mit diesem Maskenmann ist etwas anders. Man grüßt und hat schon das Gefühl, nicht zu ihm durchdringen zu können. Er aber, wider Erwarten fast, grüßt dann doch zurück, hält inne, geht nicht weiter, spricht: Von einer Straßenseite zur anderen, über den Abgrund dieser Trennung hinweg, bietet er uns eine Maske an. „Zwanzig Euro pro Stück.“

Ich lehne dankend ab, gehe weiter. Die Kinder empört über mich: Wie ich ihm habe danken können! Ob ich nicht gesehen habe, dass er einen ganzen Sack dabei hatte, voll mit Masken?! Stimmt. Warum habe ich gedankt? Weil er, obwohl ein Schwein, unter Umständen ein armes Schwein sein könnte, das so wenig Geld hat, dass er im Kontext der Not, die in den Krankenhäusern herrscht, seinen armseligen Profit zu machen versucht? Klar war: Er geht nicht spazieren. Er ist auf Kundensuche. Die Maske trägt er, um für sein Produkt zu werben, nicht um sich zu schützen.

Vielleicht lag darin der Grund, dass ich ihm dankte: Er war mir unheimlich. Andere Menschen, die eine Maske tragen und mir auf der Straße begegnen, bleiben, obwohl man auch bei ihnen das Gesicht nur halb sieht, zugänglich. Es mögen Krankenschwestern sein, die von der Arbeit kommen. Oder Menschen, die aus Zufall ein paar Masken vorrätig hatten. Alles keine Verkäufer, die mit einem Sack voller Masken dem Profit nachgehen. Mehr Leute, die Angst vor der möglichen Ansteckung haben. Menschen, die grüßen, ohne mit ihrer Freundlichkeit ein ökonomisches Ziel zu verfolgen.

Dieser Mann dagegen, der hatte keine Angst. Es geht ihm gut, weil er nicht nur die Riesenmaske im Gesicht trägt, sondern einen ganzen Sack unter’m Arm. Ich danke ihm, damit er weggeht, fürchte mich, weil die Ansteckungsgefahr, die medizinische, ganz gering ist, die Ansteckung, die von seinem Verhalten ausgehen könnte, hingegen sehr groß. Vielleicht ist sein Profit gering. Aber es gibt Leute (und Schweine) wie ihn sicher auch im ganz, ganz Großen. Organisatoren von Riesenschweinereien. Dankt man denen auch? Es ist wahrscheinlich.

Anne Peiter     

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Stallwärme, ferne

Begegnen sich Menschen jetzt auf der Straße, grüßen sie sich. Nicht immer, aber häufiger als vorher. Es ist ein Gruß von Verschworenen. Man macht zwar nicht etwas Verbotenes, wenn man spazieren geht oder den Hund ausführt, aber etwas diffus Unerwünschtes, dass über kurz oder lang weiter eingeschränkt werden könnte.

Es ist paradox, auf eine Bedrohung dadurch zu reagieren, dass man sich voneinander entfernt. In den meisten Fällen suchen die Menschen Stallwärme. Sie müssen den betonten Verzicht auf sie ausgleichen, durch diese zaghaften Gesten der Überbrückung Wärme herstellen, die heute – es ist wieder kalt geworden und es weht ein schneidender Wind über die Saale – rasch verwehen.

Wolfram Ette    

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