Corona 28: »Überleben«, transitiv

In Zeiten der Mitleidsrhetorik, wie sie, sobald es um den Virus geht, in Presse und Medien in mehr oder weniger spektakulärer Form ihre Blüten treibt, breitet sich eine semantische Vereinseitigung bezüglich des Verbs »überleben« aus. Das Wort wird permanent in intransitiver Form benutzt, um zu betonen, dass diejenigen, die der Krankheit entkommen sind, schlicht überlebt haben. Überlebt, aber nicht jemanden überlebt, denn das klänge so, als hätten sie es darauf abgesehen, jemanden umzubringen, um sich selbst den Status des Überlebenden zu verschaffen. Es ist evident, dass niemand, der mit dem Virus angesteckt wurde, auf einen Wettkampf zielt, aus der er als Sieger hervorgeht. Gerade mit Blick auf die vielen Toten scheint die Gesellschaft von dem kollektiven Bemühen beseelt zu sein, sich selbst im Wortsinn zurückzunehmen – ins eigene Gehäuse –, um die Gefahr der Ansteckung und neuer Tode zu vermeiden.

Doch die transitive Verwendung von »überleben« ist damit nicht aus der Welt. Nicht aus der sprachlichen und nicht aus der sachlichen. Und sachlich meint: Die transitive Verwendung des Wortes hat handfeste, ja mehr noch: handgreifliche Konsequenzen. Sie existiert. Wenn ein Politiker wie Boris Johnson dem Rat der Virologen und Epidemologen anfänglich kein Gehör schenkte, sondern von einer schnellen Herstellung von »Herdenimmunität« phantasierte, stand das Transitive riesengroß im Raum. Es war klar, das er sich nicht vorstellen konnte, selbst von der Krankheit betroffen zu sein.

Diese Vorstellungslosigkeit lief auf eine Politik hinaus, die die realen Aufnahmekapazitäten der britischen Krankenhäuser krass überschätzte. Aber diese Folge war schon sprachlich klar abzusehen gewesen. Der Virus, das ist die hohe Zeit der großen Männer. Und charakteristisch für diese ist, dass die schiere Macht, die ihnen durch ihre Position zukommt, ihnen die unausgesprochene Gewissheit eingibt, in jedem Fall zu den Überlebenden zu gehören. Überleben ist hier nicht mehr assoziiert mit einer Gefahr, die man überwinden, oder eine Krankheit, gegen die man sich erfolgreich zur Wehr setzen werde. Vielmehr ist das Überleben anderer (im Sinne von: »ich überlebe jemanden«) so tief in der Phantasielosigkeit verankert, dass für diese Männer der Glaube an eine regelrechte Unverletztlichkeit charakteristisch ist.

Das Perverse besteht darin, dass dieses Gefühl durch den Virus nicht etwa gedämpft, sondern im Gegenteil angestachelt wird. Die ersten Kranken waren schon da, die Gefahr absehbar, die Möglichkeit, selbst zu den Kranken zu zählen, nicht völlig ausgeschlossen. Und doch stehen Männer vom Schlage Johnsons der »Herde«, deren Sprachrohr sie zu sein behaupten, derart fern, dass sie selbst schon lange vor Einsetzen der Immunität immun zu sein glauben, einfach dadurch, dass sie an der Spitze der Pyramide stehen und daran gewöhnt sind, das Transitive zum Grundsatz ihrer Politik zu machen.

Das erklärt, warum Situationen, in denen solche Männer krank werden (und zwar schwer), bei anderen Männern des gleichen oder noch härteren Schlags (Trump) reflexartig-transitive Verwendungen des Wortes »überleben« auslösen. Da wird in öffentlichen Solidaritätsbekundungen sogleich betont, Johnson sei ein »starker Mann«, was impliziert: ein Mann, stark genug, um da zu überleben, wo andere nicht überlebt hätten, oder genauer noch: nicht überlebt haben (denn die Toten sind ja schon da, und zwar in Massen).

Die Rhetorik der Stärke ist das Signum der Überzeugung, unverletzlich zu sein. Und sobald ein Mann, den man als seinen Freund bezeichnet, weil er stark ist wie man selbst (d.h., übersetzt ins Sachliche: eine ebenso starke Position einnimmt), dann doch krank wird, ist eigentlich die Frage geboten, ob man nicht selbst die eigene Unverletzlichkeit überdenken und die Möglichkeit ins Auge zu fassen hätte, Teil der Herde zu sein, die sich schafsmäßig zu jeder Gegenwehr unfähig zeige. Aber genau zu diesem Gedanken ist die Macht nicht in der Lage. Sie glaubt sich über die Schafe erhaben und ist doch ihr größtes. Denn die Anerkennung der Tatsache, dass man noch lange kein Schaf ist, nur weil man krank geworden ist, führt ja in Wirklichkeit aus der Logik des Bockigen heraus, das darauf besteht, einem selbst könne nichts geschehen.

Und noch während es geschieht – wie dem englischen Premierminister –, bleibt man unfähig, zuzugeben, dass der Angriff auf die eigenen transitiven Überzeugungen voll im Gang ist und die Integration in die verachtete Herde auch. Die Konsequenz ist die Verstärkung des Bockens: Johnson arbeitet weiter, als er schon sehr krank war. Selbst der Umstand, dass seine Frau schwanger war und vielleicht (als Person, die die Krankheit gerade überwunden hatte) etwas von Verletzlichkeit hätte vorstellbar machen können, hinderte ihn nicht daran, weiter der Leithammel sein zu wollen.

Dieses Arbeitsethos war in Wirklichkeit des Ethos desjenigen, der nicht einfach nur zum Überleben entschlossen ist, sondern sich partout nicht daran gewöhnen kann, dass es auch anders kommen kann. Während andere Kranke durch Ruhe ihre Chancen zu erhöhen suchten, der Krankheit zu widerstehen, versuchte Johnson, sich und der Welt seine Unverletzlichkeit und Unersetzlichkeit durch die Erhöhung des normalen Arbeitspensums vorzuführen.

Was prompt ein transatlantisches Echo gefunden hat. Trump (um einmal wieder auf ihn zu sprechen zu kommen) ist der Repräsentant einer Haltung, die noch im eventuellen Tod des starken Freundes eine Bestätigung dafür erkennen würde, dass sein Überlebenskonzept das wahre ist. Denn wenn Johnson stürbe, hätte sich nur erwiesen, dass Johnson sterblich ist, was jedoch (zumindest solange Trump nicht stirbt) nur beweisen würde, dass Trump stärker ist als Johnson (schlicht darum, weil Trump noch am Leben wäre und Johnson nicht). Mit anderen Worten: Der Tod von Freunden ist Wasser auf den Mühlen des Transitiven. Je näher der zu beklagende Tote einem stand, desto mehr bestärkt er den anderen in seiner Überzeugung, selbst nicht sterben zu können.

Die überzeugendste, da extremste Situation entstünde dann, wenn alle stürben und der Machthaber als letzter übrig bliebe. Transitives – das ist die Unfähigkeit, Angst zu haben. Die Angst um den anderen ist erst gar nicht nötig, denn ohne ihren Tod könnte das Verb ja nicht transitiv werden. Die Angst um sich selbst aber bleibt auch aus, weil die eigene Position stets im Verhältnis zu den anderen, »Schwachen« gedacht wird und ein unabhängiges Erleben von sich selbst daher gar nicht mehr zugänglich ist. Der Starke ist also allein und zugleich doch enger an die Herde gebunden als jedes einzelne Schaf. Die Bindung ist eine rein negative – in Gegnerschaft, die von der Rhetorik von Solidarität, Freundschaft oder gar Mitleid kaum überdeckt wird. Dass Trump Johnson für einen starken Mann hält, ist nichts weiter als eine Selbstbeschreibung. Trump erzählt, indem er von Johnson zu sprechen scheint, nur von sich selbst.

Insofern scheint es geboten, der Sprache größte Aufmerksamkeit zu schenken. Trumps Weigerung, eine Maske zu tragen, gibt vor, wonach ihm politisch der Sinn steht. Er trägt selbst keine, obwohl die Verpflichtung für alle, sie zu tragen, öffentlich diskutiert wird. Aber Trump kennt nur eine Angst: die, mit der Maske seine reale Verletzlichkeit ins Bild zu heben, sozusagen einen Beweis dafür zu schaffen, dass er sterblich ist wie alle anderen auch.

Nimmt man hinzu, dass Männer wie er und andere, wenn sie denn wirklich krank würden (oder werden), nicht achselzuckend mit dem Hinweis nach Hause geschickt werden, es sei jetzt leider kein Platz mehr, und auch nicht auf die nötigen Geräte warten müssen, die ihnen notfalls beim Atmen helfen, ist abzusehen, dass die Gleichheit vor dem Tod durch die massiven sozialen Unterschiede wenigstens teilweise aufgehoben wird (und gerade erst für einen Premierminister oder Präsidenten). Die Überlebenschancen stehen dann wirklich ganz gut. Und damit die Chance, dass sich die transitive Verwendung des Wortes »Überleben« trotz der massiven Erfahrungen, die man, quer durch die Geschichte, mit diesem Wort gemacht hat, immer noch nicht überlebt hat. In dieser Hinsicht sind die Schafe dann doch Schafe: weil sie sich stets von Neuem fasziniert zeigen durch Männer, die ihre Politik auf’s Transitive stellen.

Anne Peiter      

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