Corona 31: Auf dem Vulkan

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr kommt es zu einer Eruption des Vulkans Piton de La Fournaise. Im vulkanologischen Monatsbericht vom März 2020 war zwar versichert worden, es herrsche weitgehend Ruhe. Jetzt aber geben die Spezialisten an, sie seien vom Ausbruch nicht wirklich überrascht gewesen. Sehr leichte seismische Aktivitäten hätten schon seit einer Weile begonnen, und auch die Inflation habe angezogen. In den letzten 48 Stunden sei dann alles plötzlich sehr schnell gegangen. Seit dem letzten Ausbruch habe sich die Kammer stark gefüllt. Schon ein geringer Druck reiche unter solchen Bedingungen aus, und es gehe wieder los. Und so sei es denn auch gekommen.

Als nun am 2. April 2020 die Gendarmerie in eigens zu diesem Zweck bereitgestellten Hubschraubern die Lage visuell zu erkunden versuchte, habe sich herausgestellt, dass die Wolken viel zu tief hingen und es unmöglich war, zu bestätigen, dass der Ausbruch wirklich begonnen habe. Die Webcams seien beschlagen gewesen. Auch über sie konnten also zunächst keine gesicherten Informationen gewonnen werden.

Durch weitere Erkundungsflüge habe sich aber herausgestellt, dass es in 1900 Meter Höhe einen Spalt gebe, der knapp unter dem Punkt liege, an dem der letzte Ausbruch begonnen habe. Die Lava-Fontänen hätten die 30 Meter-Grenze nicht überschritten.

Einzig eine Sache sei im Vergleich zu vorherigen Ausbrüchen als ungewöhnlich zu vermerken. Zwischen dem Ausbruch und dem Tremor seien fast keine Erschütterungen festzustellen gewesen. Im Normalfall gebe es ein Beben der Erde, weil das Magma sich ausbreite. Jetzt aber sei aufgrund der vorherigen Ausbrüche das Gestein schon so brüchig geworden, dass das Magma keinerlei Schwierigkeiten gehabt habe, auszutreten. Es habe sich gar nicht erst eine neue Bahn brechen müssen.

Im Normalfall folgten, so die Vulkanologen weiter, auf die visuelle Erkundung stets die Entnahme und Analyse von Proben, doch die Ausgangssperre verhindere die Beibehaltung des üblichen Protokolls. Jetzt gehe die Sicherheit der Bevölkerung vor. Niemand dürfe sich in Gefahr bringen. Die Beobachtung des Vulkans erfolge daher über die vor Ort installierten Geräte. Ein Vorteil sei, dass sich niemand in der Nähe des Vulkans aufhalte. Zu vertrauen sei auf die ohnehin geltende Ausgangssperre. Zudem spiele sich alles im Inneren des Kraters ab. Sichergestellt werden müsse also allein, das die Lava nicht austrete.

Nach diesem Bericht kann man eigentlich nur zu einer Schlussfolgerung kommen: Kaum eine Publikation ist in diesen Zeiten so erhellend wie die von Vulkanologen! Die Inflation hatte längst begonnen, die Kammern waren seit geraumer Zeit gefüllt, der Austritt der Magma erfolgt mit Leichtigkeit, weil das Gestein schon zuvor brüchig war. Aber die offizielle Bestätigung, dass der Ausbruch wirklich da ist, ist aufgrund fehlender Evidenz dennoch erst spät bekannt gegeben worden. Man wusste und wusste nichts. Die Wolken hingen einfach schon zu tief. Und doch gab es – vielleicht gerade wegen der Wolken? – nicht wirklich eine Überraschung. Man wartete nur auf Evidenzen. Die ist jetzt da, in Form des unbezweifelbaren Ausbruchs. Und da das anerkannt werden muss, ist voll und ganz den Geräten zu vertrauen, und ihnen allein. Gibt es sie in ausreichender Anzahl? Das sagen die Vulkanologen nicht. Für das Magma ist in jedem Fall kennzeichnend, dass es der von den vorherigen Ausbrüchen gezeichneten Bahn folgt. Das schafft Voraussehbarkeit bezüglich der weiteren Reaktionen, eine Voraussehbarkeit, die dennoch nicht verhindert hat, dass es noch im Märzbericht geheißen hatte, es sei alles ruhig. Aber das ist leicht zu erklären: Man war durch nichts zu erschüttern, auch durch den sich vorbereitenden Tremor nicht.

Wenn das keine politische Stellungnahme ist! Erneut: Die Kammern waren schon lange gefüllt! Und die Inflation (was immer Vulkanologen damit meinen) eine bekannte Tatsache. Und jetzt die Entnahme von Proben – unmöglich! Die Gegebenheiten verhindern die Einhaltung des Protokolls! Wie wahr, wie wahr! Dann aber auch dies – kritischer? Oder ganz und gar unkritisch? –: Der Ausbruch erfolgte mit größter Leichtigkeit. Alles hat sich durch die vorherige Füllung der Kammern und die Brüchigkeit des Ausbruchgebietes schon vorbereitet. Nichts Überraschendes also. Auch wahr. Besonders erschüttert ist man nicht.

Nur in einem Punkt lassen es die Vulkanologen an Genauigkeit fehlen: Die Lava trete nicht aus, verbleibe innerhalb der Grenzen des engeren Ausbruchgebiets. Da sollte man sich nicht so sicher sein! Die Evidenzen sprechen dagegen. Von Saint Pierre aus sieht man den Schein des Feuers schon von den Wohnzimmerfenstern aus. Und das ist ein wahrhaftig erschütterndes Schauspiel.

Anne Peiter      

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