Corona 33: Reise …

…um die Welt
Als ich aufbrach, um auf einer Insel im Indischen Ozean zu leben, hatte ich das Gefühl, dass ich eine Weltreise machte. Und als ich dort zu leben begann, war’s wirklich ein weiter, weiter Weg, um wieder zurück in die Welt zu kommen. Oder zurück in das, was sich für die Welt hielt.

… um die Insel
Als ich begann, auf der Insel zu leben, merkte ich, dass es keine Ecken gab und ich nach rechts fahren konnte oder nach links, aber nicht geradeaus, denn sonst fuhr ich mitten hinein in den Ozean. Also fuhr ich nach links oder nach rechts, kreisend so oder so. Nur wenn die Straße nach links wegen Steinschlags gesperrt war, konnte ich nur noch nach rechts fahren, und das war dann zwar so, aber nicht mehr so oder so.

… um die Stadt
So war das bald nicht mehr wichtig, denn auf einer Insel kann man nur leben, wenn man um anderes kreist als um die Insel. Und darum kreiste ich schon bald nicht mehr um die Insel, sondern blieb in meiner Stadt. Je kleiner die Kreise dort, desto weiter, so schien mir, der Horizont dessen, was mich bewegte. Und das war auch die Insel, aber mehr noch ein »weg von der Insel«.

… um’s Viertel
Als das Virus einsetzte, durfte man anfangs noch in einem Umkreis von zwei Kilometern spazieren gehen. Und ich ging zum Fluss, hinein in die Berge, die dort eine gewaltige Schlucht säumen. Pflanzen, Bäume, ab und zu eine Ziege, fast keine Menschen. Steinschlag auch hier. Und das alles war so nah wie fern.

… um die Straße
Dann durfte man nur noch eine Stunde pro Tag nach draußen gehen, in allernächster Nähe zum eigenen Haus, die Erklärung, warum man überhaupt noch rausgehe, unterschrieben in der Tasche. Autos fuhren kaum, alles war wie neu, und die nächste Nähe kam mir erstmals wirklich nahe vor und fühlte sich wärmer an als zuvor.

… um mein Zimmer
Jetzt lese ich de Maîstre und finde, es stimmt nicht. Nichts ist zu erzählen von meinem Weg zwischen Tisch und Bett, Bücherschrank, Klavier und Stuhl. Höchstens über Tisch, Bett, Bücherschrank, Klavier und Stuhl selbst. Den Bücherschrank musste ich selbst bauen, denn es wird wenig gelesen auf der Insel und Regale mit engen Abständen, in denen man viele Bücher unterbringen kann, gibt es nicht. Das Klavier ist akklimatisiert seit bald dreißig Jahren, doch es kommt aus der DDR wie ich und heißt Forster. Also ist die Frage, wie es wohl ausgerechnet in den Indischen Ozean gekommen sein mag, interessanter als mein Weg zu ihm, vorbei an Tisch, Bett, Bücherschrank und Stuhl. Es sei denn, ich sage mir, das Klavier sei auch ich, die ich mich fragen muss, wie ich ausgerechnet in den Indischen Ozean gekommen bin, auf dieses Insel, in dieses Haus und sein Zimmer mit einem Klavier ausgerechnet aus der DDR.

 

Anne Peiter     

 


 

 

Xavier de Maistre, Voyage autour de ma chambre / Die Reise um mein Zimmer, Leipzig: Reclam 1991. Vgl. den folgenden Blogeintrag.

Georg Forster, A Voyage round the World in His Britannic Majesty’s Sloop Resolution, Commanded by Capt. James Cook, during the Years, 1772, 3, 4, and 5, London 1777. Die Reise führte zunächst in den Südatlantik, dann durch den Indischen Ozean und antarktische Gewässer in den Südpazifik und zu den Inseln Polynesiens und schließlich um Kap Hoorn herum wieder zurück nach England (Wikipedia, Art. „Georg Forster“).

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