Corona 34: Gegen Langeweile

Ich könnte anfangen, meine Reise zu loben, indem ich sage, dass sie mich nichts kostet. Diese Umstand verdient Aufmerksamkeit. Er wurde zuerst hervorgehoben und von Menschen mit mäßigem Einkommen gefeiert. Aber es gibt noch eine andere Klasse von Männern, bei denen sie sich eines glücklichen Erfolgs noch sicherer sein kann – aus dem gleichen Grund, dass sie nichts kostet. – Wie? Bei wem denn? fragst du. Bei den reichen Leuten. Zudem – was für eine Quelle ist diese Art des Reisens für Kranke! Sie müssen das schlechte Wetter und die Jahreszeiten nicht fürchten. Feiglinge sind vor Dieben sicher; sie werden weder auf Abgründe noch Sümpfe treffen. Tausende von Menschen, die es nicht gewagt hätten, andere, die es nicht gekonnt hätten, andere, die nicht einmal an Reisen gedacht hätten, werden es nun nach meinem Beispiel tun. Würde die träge Person zögern, mit mir aufzubrechen, um ein Vergnügen zu bekommen, das sie weder Schmerz noch Geld kostet?

Nur Mut, lassen Sie uns gehen. Folgen Sie mir, Sie alle, die eine erstorbene Liebe, eine vernachlässigte Freundschaft in Ihrer Wohnung halten, weit weg von der Kleinlichkeit und Heimtücke der Menschen. Mögen all die Unglücklichen, die Kranken und Gelangweilten des Universums mir folgen! – Lasst all die Faulen sich massenhaft erheben! Und Ihr, die Ihr um einer Untreue willen dunkle Pläne für Reformen oder Rückzug in Eurem Geist bewegt; Ihr, die ihr in eurem Boudoir auf die Welt verzichtet um des Lebens willen; Ihr, freundliche Eigenbrötler einer Soirée; – – glaubt mir, verzichtet auf diese dunklen Ideen; Ihr verliert nur einen Moment des Vergnügens, ohne dafür einen der Weisheit zu gewinnen. Wagen Sie es. mich auf meiner Reise zu begleiten! wir werden in kleinen Tagesreisen spazieren gehen und während des Weges über Reisende lachen, die Rom und Paris gesehen haben; – kein Hindernis kann uns aufhalten. und indem wir uns fröhlich unserer Phantasie hingeben, werden wir ihr folgen, wohin es ihr gefällt, uns zu führen. […]

Mein Zimmer befindet auf dem fünfundvierzigsten Breitengrad: es ist von Ost nach West ausgerichtet; es bildet ein längliches Rechteck, dessen Umfang sechsunddreißig Schritte beträgt, wenn man sich dicht an der Wand hält. Meine Reise wird jedoch viel länger sein; denn ich werde es oft in seiner Länge und Breite oder auch diagonal durchmessen, ohne einer Regel oder Methode zu folgen. – Ich werde sogar im Zickzack laufen und allen möglichen geometrischen Linien folgen, wenn es die Notwendigkeit erfordert. Ich mag keine Leute, die ihre Schritte und ihre Ideen zwanghaft beherrschen; Leute, die sagen: »Heute werde ich drei Besuche machen, ich werde vier Briefe schreiben, ich werde diese Arbeit beenden, die ich begonnen habe.«

Meine Seele ist so offen für alle Arten von Ideen, Geschmäckern und Empfindungen Gefühlen; sie nimmt so eifrig alles auf, was sich bietet! … – Und warum auch sollte sie die Genüsse ablehnen, die auf dem schwierigen Lebensweg ausgestreut sind? Sie sind so überaus selten, so klar hingesät, dass man verrückt sein müsste, um nicht innezuhalten, sich seinem Weg abzuwenden und all diejenigen einzusammeln, die in unserer Reichweite sind. Meiner Meinung nach gibt es nichts Anziehenderes, als den eignen Ideen zu folgen, so wie der Jäger das Wild verfolgt, ohne sich darum zu kümmern, sich auf der Straße zu halten. Also – wenn ich in meinem Zimmer unterwegs bin, gehe ich selten eine gerade Linie: Ich gehe von meinem Tisch zu einem Tisch, der in einer Ecke steht; von dort gehe ich schräg zur Tür. Aber obwohl ich beabsichtige, dorthin zu gehen, wenn ich meinen Sessel auf dem Weg begegne, mache ich keine Umstände und richte mich sofort darauf ein. – Es ist ein ausgezeichnetes Möbelstück, dieser Sessel; von höchstem Nutzen besonders für jeden nachdenklichen Menschen. An langen Winterabenden ist es manchmal angenehm und immer vernünftig, sich ruhig in ihm auszustrecken, weit weg vom Lärm der Versammlungen. – Ein gutes Feuer, Bücher, Federn, was für Resourcen gegen die Langeweile! Und was überdem für ein Genuss, die Bücher und Federn noch zu vergessen, sein Feuer zu entzünden, sich den hinlaufenden Gedanken hinzugeben oder ein paar Reime abzufassen, um die Freunde aufzuheitern! Die Stunden gleiten dann durch Euch hindurch und ziehen schweigend in die Ewigkeit, ohne dass Ihr auch nur ihren traurigen Übergang fühlt. […]

Nach meinem Sessel, weiter nach Norden marschierend, entdecken wir mein Bett, das sich hinten in meinem Zimmer befindet und den angenehmsten Gesichtspunkt darstellt. Sein Platz ist der allerglücklichste: Die ersten Sonnenstrahlen spielen in meinen Vorhängen; ich sehe sie in den schönen Sommertagen entlang der weißen Wand vorrücken, während die Sonne höher steigt. Die Ulmen, die vor meinem Fenster stehen, teilen sie auf tausend Arten und lassen sie auf meinem weißen und rosanen Bett tanzen, das ihre Reflexe charmant im Zimmer verteilt. Ich höre das verwirrte Zwitschern der Schwalben, die das Dach des Hauses in Besitz genommen haben, und das der anderen Vögel, die die Ulmen bewohnen. Dann beschäftigen mich tausend lachende Ideen; und in der ganzen Welt hat niemand einen Wecker, der so angenehm, so friedlich ist wie meiner.

Ich gebe zu, dass ich diese süßen Momente genieße und das Vergnügen verlängere, in der sanften Wärme meines Bettes nachzudenken. Gibt es eine Bühne, die der Phantasie mehr leiht, und das zartere Ideen weckt als dieses Möbel, in dem ich mich so manches Mal vergesse? – Mein bescheidender Leser, schrick nicht zurück! Aber könnte ich nicht ebenso vom Glück eines Liebhabers sprechen, der zum ersten Mal eine tugendhafte Frau in den Armen hält? Welch unbeschreibliches Vergnügen, dass mein übles Geschick mich dazu verurteilt, dies niemals zu schmecken! Ist es nicht in einem Bett, dass eine Mutter, die bei der Geburt eines Sohnes im Rausch der Freude ihre Schmerzen vergisst? Es ist dieser Ort, an dem phantastische Freuden, die Früchte der Einbildungskraft und der Hoffnung uns aufwühlen werden. – Und schließlich vergessen wir in diesem köstlichen Möbelstück unser halbes Leben lang die Kümmernisse der anderen Hälfte. Und was für eine Menge angenehmer und trauriger Gedanken drängen sich gleichzeitig in meinem Gehirn! Erstaunliche Mischung aus schrecklichen und köstlichen Situationen!

Ein Bett sieht uns zur Welt kommen und es sieht uns sterben. Es ist die veränderliche Bühne, auf der die Menschheit abwechselnd interessante Dramen, lächerliche Streiche und entsetzliche Tragödien spielt. – Es ist eine Wiege mit Blumen; – es ist der Thron der Liebe; – es ist ein Grab.

Xavier de Maistre

*

Wenn Johannes zuweilen um die Erlaubnis ausgehen zu dürfen bat, wurde es ihm meistens abgeschlagen; hingegen schlug ihm der Vater als Ersatz zuweilen vor, an seiner Hand auf dem Fußboden auf und ab zu spazieren. Beim ersten Hinsehen war dies ein ärmlicher Ersatz, und doch (…) etwas ganz anderes war darin verborgen. Der Vorschlag wurde angenommen, und es wurde Johannes ganz überlassen zu bestimmen, wo sie hingehen wollten. Dann gingen sie aus der Einfahrt, zu einem naheliegenden Lustschloss, oder hinaus zum Strande, oder auf und ab in den Straßen, ganz wie Johannes es wollte; denn der Vater vermochte alles. Während sie nun auf dem Fußboden auf und abgingen, erzählte der Vater alles, was sie sahen; sie grüßten die vorübergehenden, Wagen lärmten an ihnen vorbei und übertönten des Vaters Stimme; die Früchte der Kuchenfrau waren einladender denn je.

*

Man steigt in den ersten Stock eines mit Gas erleuchteten Hauses, öffnet eine kleine Tür und steht im Entree. Zur Linken hat man eine Glastür, die in ein Kabinett führt. Man geht geradeaus und kommt in ein Vorzimmer. Dahinter sind zwei Zimmer, ganz gleich groß, ganz gleich möbliert, als wenn man das eine Zimmer im Spiegel doppelt sähe. Das hintere Zimmer ist geschmackvoll erleuchtet. Ein Armleuchter steht auf einem Arbeitstisch, vor diesem ein leicht gebauter, mit rotem Samt überzogener Lehnstuhl. Das vordere Zimmer ist nicht erleuchtet. Hier mischt sich das gleiche Licht des Mondes mit der stärkeren Beleuchtung vom hinteren Zimmer her. Man setzt sich auf einen Stuhl am Fenster, man betrachtet den großen Platz und sieht die Schatten der Vorübergehenden über die Wände der Häuser hinein; alles verwandelt sich zu einer szenischen Dekoration. Eine träumende Wirklichkeit dämmert im Hintergrunde der Seele. (…) Man hat seine Zigarre geraucht; man zieht sich in das hintere Zimmer zurück und fängt an zu arbeiten. – Mitternacht ist vorbei. Man löscht die Lichter und zündet einen kleinen Nachtleuchter an. Die Mondbeleuchtung liegt ungemischt. Ein einzelner Schatten erscheint noch dunkler, ein vereinzelter Schritt braucht lange Zeit, um zu verhallen. Die wolkenfreie Wölbung des Himmels sieht so wehmütig, träumerisch und gedankenreich aus, als ob der Untergang der Welt vorüber und der Himmel ungestört mit sich selbst beschäftigt wäre.

Sören Kierkegaard

*

Wer verlassen lebt und sich doch hie und da irgendwo anschließen möchte, wer mit Rücksicht auf die Veränderungen der Tageszeit der Witterung, der Berufsverhältnisse und dergleichen ohne weiteres irgendeinen beliebigen Arm sehen will, an dem er sich halten könnte, — der wird es ohne ein Gassenfenster nicht lange treiben. Und steht es mit ihm so, dass er gar nichts sucht und nur als müder Mann, die Augen auf und ab zwischen Publikum und Himmel, an seine Fensterbrüstung tritt, und er will nicht und hat ein wenig den Kopf zurückgeneigt, so reißen ihn doch unten die Pferde mit in ihr Gefolge von Wagen und Lärm und damit endlich der menschlichen Eintracht zu.

Franz Kafka

*

Albert Speer, zunächst Hitlers Hofarchitekt, dann Rüstungsminister und damit wesentlich beteiligt an der unerhörten Verlängerung des Krieges und damit des Mordens in den Vernichtungslagern, hat den Gefängnishof von Spandau für eine zwanzigjährige Weltumwanderung genutzt. Tag für Tag drehte er seine Runden, penibel Kilometer und Durchschnittsgeschwindigkeit berechnend und Jahr für Jahr mit äusserster Genauigkeit kalkulierend, in welcher Gegend er beim Kreisen in der Welt bereits angelangt sei.

Aus Berlin aufgebrochen, vom Balkan Richtung Indien und China wandernd, von dort aus über die Beringstraße nach Nordamerika vordringend, erfuhr Speer von seiner Freilassung in dem Moment, in dem er in Mexiko angelangt war.

Um die täglichen Runden leichter zählen zu können, ließ er zu Beginn einer jeden neuen Runde Bohnen von einer Hosentasche in die andere gleiten. Es genügte, sie am Abend hervorzuholen und sie vor sich hinzulegen.

Anne Peiter

*

Ich nutzte diesen Aufenthalt, um mich mit Steinen zum Lutschen zu versorgen. Es waren kleine Kiesel, aber ich nenne sie Steine. Ja, dieses Mal brachte ich einen bedeutenden Vorrat von ihnen zusammen. Ich verteilte sie gleichmäßig in meinen vier Taschen und lutschte sie nacheinander. Dadurch entstand ein Problem, das ich zunächst auf folgende Art löste: Angenommen, ich hatte sechzehn Steine und vier davon in jeder meiner vier Taschen, nämlich in den zwei Taschen meiner Hose und den zweien meines Mantels. Wenn ich einen Stein aus der rechten Manteltasche nahm und in den Mund steckte, so ersetzte ich ihn in der rechten Manteltasche durch einen Stein aus der rechten Hosentasche, den ich durch einen Stein aus der linken Hosentasche ersetzte, den ich durch einen Stein aus der linken Manteltasche ersetzte, den ich wiederum durch den Stein in meinem Mund ersetzte, sobald ich mit dem Lutschen fertig war. Auf diese Weise befanden sich immer vier Steine in jeder meiner vier Taschen, aber nicht genau dieselben. Und wenn die Lust zum Lutschen mich wieder ankam, griff ich aufs neue in meine rechte Manteltasche und konnte sicher sein, dort nicht den gleichen Stein in die Hand zu bekommen wie das letzte Mal. Und während des Lutschens nahm ich die neue Verteilung der Steine vor, wie ich gerade auseinandergesetzt habe. Und so fort. Aber diese Lösung befriedigte mich nur zum Teil. Denn die Möglichkeit entging mir nicht, daß durch einen außerordentlichen Zufall es immer dieselben Steine sein könnten, die zirkulierten. Und in diesem Fall würde ich durchaus nicht die sechzehn Steine einen nach dem anderen, sondern in Wirklichkeit immer dieselben vier nacheinander lutschen. Aber ich schüttelte sie gut in meinen Taschen, vor und während des Lutschens, in der Hoffnung, alle Steine in den Kreislauf einzubeziehen, und erst dann schritt ich zu ihrer Verteilung von Tasche zu Tasche. Aber das war nichts als ein Notbehelf, mit dem ein Mann wie ich sich nicht lange zufrieden geben konnte. Ich machte mich also daran, eine andere Methode zu finden. Und zuallererst fragte ich mich, ob ich nicht besser daran täte, jeweils vier Steine auf einmal anstatt jedesmal je einen von einer Tasche in die andere zu bringen, das heißt, während des Lutschens die drei Steine, die noch in meiner rechten Manteltasche waren, in die Hand zu nehmen und an ihre Stelle die vier aus meiner rechten Hosentasche und an deren Stelle die vier aus meiner linken Hosentasche und an deren Stelle die vier aus meiner linken Manteltasche und an deren Stelle endlich die drei aus meiner rechten Manteltasche, die in meiner Hand waren, nebst dem Stein, der sich in meinem Mund befand, wenn ich ihn fertig genutzt hätte, zu setzen. Ja, anfangs schien es mir so als ob ich auf diese Weise zu einem besseren Ergebnis gelangen würde. Aber diese Ansicht musste ich nach reiflicher Überlegung ändern und mir eingestehen, dass der Kreislauf der Steine in Gruppen von je vier genau auf das Gleiche hinaus lief wie der Kreislauf in Einheiten von je einem. Denn wenn ich auch sicher sein konnte, in der rechten Manteltasche jedesmal vier Steine zu finden, die von ihren unmittelbaren Vorgängern in dieser Tasche völlig verschieden waren, so war die Möglichkeit nicht geringer geworden, dass mir innerhalb jeder Vierergruppe immer der gleiche Stein in die Hand kam und dass ich infolgedessen, anstatt die sechzehn Steine nacheinander zu lutschen, wie ich es wollte, in Wirklichkeit nur immer die gleichen vier davon nacheinander lutschte. Es war also nötig, an einem anderen Punkt als an der Art der Zirkulation anzusetzen. Denn wie immer ich auch die Steine zirkulieren ließ, immer stieß ich auf den gleichen Zufallsfaktor. Ganz offenbar konnte ich durch Vermehrung der Anzahl meiner Taschen gleichzeitig meine Chancen vermehren, meine Steine so zu benutzen, wie ich es beabsichtigte, das heißt, einen nach dem anderen, bis der Vorrat erschöpft war. Wenn ich zum Beispiel anstelle meiner vier Taschen acht Taschen gehabt hätte, so hätte der bösartigste Zufall es nicht verhindern können, dass ich von meinen sechzehn Steinen wenigstens acht nacheinander lutschte. Im Grunde hätte ich sechzehn Taschen nötig gehabt, um ganz beruhigt zu sein. Und während einer langen Zeit kam ich nicht über die Schlussfolgerung hinaus, dass ich mindestens sechzehn Taschen haben müsste, jede mit ihrem besonderen Stein drin, um das Ziel, dass ich mir gesteckt hatte, zu erreichen – abgesehen von einem ausserordentlichen Zufall. Und wenn es auch denkbar war, die Zahl meiner Taschen zu verdoppeln, sei es nur dadurch, dass ich jede Tasche in zwei teilte, nehmen wir an mit Hilfe einiger Sicherheitsnadeln, so schien es doch meine Fähigkeiten zu übersteigen, sie zu vervierfachen. Und ich legte keinen Wert darauf, mich wegen einer halben Maßnahme anzustrengen. Denn seitdem ich mich mit dieser Geschichte herum schlug, verlor ich allmählich den Sinn für das Maß und sagte mir: entweder alles oder nichts. Und wenn mir einen Augenblick lang der Gedanke vorschwebte, zwischen meinen Steinen und meinen Taschen ein ausgeglicheneres Verhältnis herzustellen, indem ich die Zahl der Steine verringerte und die Zahl der Taschen angelegt, so doch nur einen Augenblick lang. Denn damit hätte ich meine Niederlage zugegeben. (…) Und während ich so auf meine Steine blickte und mir über die Einsatzmöglichkeiten, die alle gleich mangelhaft waren, den Kopf zerbrach und viele Handvoll Sand zerdrückte, so dass der Sand durch meine Finger rieselte und wieder auf den Strand fiel, jawohl, während ich auf diese Weise meinen Geist und einen Teil meines Körpers beschäftigt und in Gang hielt, kam mir eines Tages auf einmal die erleuchtende Idee, dass ich vielleicht mein Ziel erreichen könne, ohne die Zahl meiner Taschen zu vermehren noch die meiner Steine zu verringern, indem ich einfach das Prinzip der Schichtung fallen ließe. Diese Idee hob plötzlich in mir zu singen an wie ein Bibelvers aus Jesaja oder Jeremia, und ich brauchte einige Zeit um ihre ganze Bedeutung zu erfassen; und besonders das Wort Schichtung, das ich nicht kannte, blieb mir lange dunkel. Aber am Ende glaubte ich zu erraten, dass dieses Wort Schichtung nichts anderes und nichts Besseres bezeichnen können als die Verteilung der sechzehn Steine in vier Gruppen zu je vieren, mit je einer Gruppe in jeder Tasche, und dass die Weigerung, eine andere Verteilung als diese ins Auge zu fassen, alle meine bisherigen Berechnungen verdorben und das Problem wirklich unlösbar gemacht hatte. Und dank dieser Auslegung, ob sie nun richtig war oder nicht, konnte ich endlich zu einer Lösung gelangen, einer Lösung, die gewiss nicht elegant war aber handfest, handfest. Inzwischen glaube ich gern, ja, ich glaube sogar sicher, dass es für dieses Problem andere Lösungen gab und sogar immer noch gibt, die ebenso handfest sind wie die gerade beschriebener aber eleganter. Und ich glaube auch, dass ich sie mit etwas mehr Verbissenheit, etwas mehr Beharrlichkeit selbst gefunden haben könnte. Aber ich war müde, müde, und ich begnügte mich träge mit der ersten Lösung dieses Problems, die wirklich eine war. Und ohne die Stufen aufzuzählen und die Schrecken zu beschreiben, durch die ich hindurch musste, bevor ich zu ihr gelangte, will ich sie enthüllen, meine Lösung, in ihrer ganzen Abscheulichkeit. Ich brauchte zum Beispiel, um zu starten, nur (nur!) 6 Steine in meine rechte Manteltasche zu tun, denn es ist immer diese Tasche, aus der die Zufuhr kommt, und fünf in meine rechte Hosentasche und endlich fünf in meine linke Hosentasche, so ging die Rechnung auf: zweimal fünf plus sechs gleich sechzehn, und keinen Stein – weil keiner übrig war – in meine linke Manteltasche, die für den Augenblick leer blieb, leer von Steinen natürlich, denn ihr ständiger Inhalt befand sich immer darin, zusammen mit einigem Durchgangsgut. Denn wohin tat ich, glaubt ihr wohl, mein Gemüsemesser, meine Silbersachen, meine Hupe und das übrige, dass ich noch nicht namentlich angegeben habe und vielleicht nie angeben werde? Also. Jetzt kann ich anfangen zu lutschen. Passen Sie gut auf. Ich nehme einen Stein aus meiner rechten Manteltasche lutsche ihn, lutsche ihn nicht mehr und stecke ihn in meine linke Manteltasche, die leer ist (von Steinen). Ich nehme eine zweiten Stein aus meiner rechten Manteltasche, lutsche ihn und stecke ihn in meine linke Manteltasche. Und so fort, bis meine rechte Manteltasche leer ist, abgesehen von ihrem ständigen und gelegentlichen Inhalt, und bis die sechs nacheinander gelutschten Steine in meine linke Manteltasche gekommen sind. An diesem Punkt halte ich ein und konzentriere mich, denn es kommt darauf an, keine Dummheit zu begehen. Nun versehe ich meine rechte Manteltasche, in der keine Steine mehr sind, mit den fünf Steinen aus meiner rechten Hosentasche, die ich durch die fünf Steine aus meiner linken Hosentasche ersetze, die ich durch die sechs Steine aus meiner linken Manteltasche ersetze. Jetzt ist es soweit, dass aufs Neue keine Steine mehr in meiner linken Manteltasche sind, während meine rechte Manteltasche wieder mit Steinen versehen ist, und zwar mit solchen von der richtigen Art, das heißt, mit anderen als denen, die ich gerade gelutscht habe und die ich mich jetzt anschicke, nacheinander zu lutschen und dann der Reihe nach in meine linke Manteltasche zu überführen, wobei ich die Gewissheit habe, soweit man sie bei dieser Art von Ideen haben kann, dass ich nicht die gleichen Steine lutsche wie zuletzt, sondern andere. Und wenn meine rechte Manteltasche wieder leer ist (von Steinen), und die fünf gerade gelutschten Steine sich alle ohne Ausnahme in meiner Linken Manteltasche befinden, schreite ich dazu, die gleiche oder eine entsprechend Verteilung wie vorhin vorzunehmen, das heißt, ich versehe meine rechte Manteltasche, die wieder verfügbar ist, mit den fünf Steinen aus meiner rechten Hosentasche, die ich durch die sechs Steine aus meiner linken Hosentasche ersetze, die ich durch die fünf Steine aus meiner linken Manteltasche ersetze. Und jetzt bin ich bereit, wieder von vorne anzufangen. Muss ich fortfahren? Nein, denn es ist klar, dass am Ende des nächsten Kreislauf von abwechselndem Lutschen und Umlagern die Anfangssituation wiederhergestellt sein wird, das heißt, dass ich wieder die sechs ersten Steine in der Tasche, aus der die Zufuhr kommt, die fünf folgenden in der rechten Tasche meiner alten Hose und endlich die letzten fünf in der linken Tasche der gleichen Hose haben werde und dass meine sechzehn Steine in tadelloser Ordnung hintereinander einmal gelutscht sein werden, ohne dass ein einziger zweimal oder ein einziger nicht gelutscht worden wäre.

Samuel Beckett

*

In Toulouse hat ein 32jähriger einen Marathon veranstaltet, und zwar auf seinem Balkon, der einen Meter breit und sieben Meter lang ist. Die Länge habe mehr als sechstausend Hin- und Rückwegen entsprochen. Die Laufzeit habe bei sechs Stunden und achtundvierzig Minuten gelegen. Der Langeweile habe er durch die Hilfe seiner Follower auf den sozialen Medien und durch die Anwesenheit seiner Freundin widerstanden.

Er ist nicht der einzige Läufer dieser Art. In verschiedenen Ländern breiten sich kreisförmige Balkon- und Terrassenmarathone aus. Der Toulouser aber hat für sein Durchhaltevermögen einen hohen Preis zahlen müssen: Sein GPS hat, so wird berichtet, durch das viele Hin und Her seinen Geist aufgegeben.

Anne Peiter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s