Corona 39: Gleichheit vor dem Tod.

Der Gevatter Tod

Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und mußte Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wußte er sich in seiner Noth nicht zu helfen, lief hinaus und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott, der wußte schon, was er auf dem Herzen hatte und sprach zu ihm: „armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben und will für es sorgen, daß es glücklich wird auf Erden.“ Der Mann sprach: „wer bist du?“ „Ich bin der liebe Gott.“ „So begehr ich dich nicht zum Gevatter, denn du gibst den Reichen und lässest die Armen hungern.“ So sprach der Mann, weil er nicht wußte, wie weislich Gott Reichthum und Armuth vertheilt; wendete sich ab von dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: „was suchst du? ich bin der Pathe deines Kinds und will ihm Gold geben und alle Lust der Welt.“ Der Mann fragte: „wer bist du?“ „Ich bin der Teufel;“ „So begehr ich dich nicht zum Gevatter, du betrügst und verführst die Menschen,“ und ging weiter. Da kam der Tod auf ihn zu geschritten und sprach: „nimm mich zum Gevatter.“ „Wer bist du?“ fragte der Mann. „Ich bin der Tod, der alles gleich macht.“ Da sprach der Mann: „du bist der rechte, du holst den Reichen und den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann seyn.“ Der Tod antwortete: „ich will dein Kind reich und berühmt machen auf der Welt, denn wer mich zum Freund hat, dem kanns nicht fehlen.“ Sprach der Mann: „künftigen Sonntag ist die Taufe, da stell dich zu rechter Zeit ein.“ Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und hielt das Kind über die Taufe.

Als der Knabe nun zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pathe ein, nahm ihn mit sich hinaus in den Wald, und als sie ganz allein waren, sprach er: „jetzt sollst du dein Pathengeschenk haben. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen, stehe ich zu Füßen des Kranken, so sprich keck, ich will ihn wieder gesund machen, und gieb ihm nur von einem gewissen Kraut ein, das ich dir zeigen will, so wird er genesen; stehe ich aber zu Häupten des Kranken, so ist er mein und dann sprich: „alle Hilfe ist umsonst, der muß sterben.“ Dann zeigte ihm der Tod das Kraut und sprach: „hüte dich, daß du es nicht gegen meinen Willen gebrauchst.“

Es dauerte nicht lange, so war der Arzt in der ganzen Welt berühmt. „Wenn der den Kranken nur ansieht, weiß er gleich, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muß,“ so hieß es von ihm und weit und breit kamen die Leute und holten ihn und gaben ihm Gold, so viel, als er verlangte, also daß er bald große Reichthümer besaß. Nun trug es sich zu, daß der König auch krank ward, da wurde nach ihm geschickt, er sollte sagen, ob er sterben müßte. Wie der Arzt nun zu dem Bette trat, sah er den Tod zu Häupten des Kranken stehen, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. Der Arzt aber dachte, vielleicht kannst du den Tod überlisten, weils dein Herr Pathe ist, wird er’s so übel nicht nehmen, packte den König an und legte ihn verkehrt, so daß der Tod an seine Füße zu stehen kam; darauf gab er ihm das Kraut ein und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzt, machte ein böses, finsteres Gesicht und sprach: „diesmal soll dirs hingehen, weil ich dein Pathe bin, aber unterstehst du dich noch einmal mich zu betrügen, so geht dir’s selbst an den Hals.“ Bald darauf ward des Königs Tochter krank, und niemand konnte ihr helfen. Der alte König weinte Tag und Nacht, daß ihm die Augen erblindeten, endlich ließ er bekannt machen, wer sie vom Tod errette, der solle zum Lohn ihr Gemahl werden und die Krone erben. Nun kam der Arzt auch, aber der Tod stand zu Häupten, doch als er die Schönheit der Königstochter sah und an das Versprechen des Königs dachte, so vergaß er alle Warnungen, und ob ihn gleich der Tod ganz fürchterlich anschaute, so kehrte er doch die Kranke herum und gab ihr sein Kraut, so daß sich das Leben in ihr neu zu regen anfing.

Der Tod aber, als er sich zum zweitenmal um sein Eigenthum betrogen sah, trat zu dem Arzt und sprach: „nun folge mir,“ packte ihn hart mit seiner eiskalten Hand und führte ihn in eine unterirdische Höhle, in der viel tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten. Etliche waren groß, etliche halb, etliche klein; jeden Augenblick verloschen einige und brannten neue wieder auf, also daß Flämmchen hin und her zu hüpfen schienen. „Siehst du, sprach der Tod, das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halben Eheleuten in ihren guten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch haben auch Kinder und junge Menschen oft nur ein kleines Licht. Ist’s abgebrannt, so ist ihr Leben zu Ende und sie sind mein Eigenthum.“ Der Arzt sprach: „zeige mir nun auch mein Licht.“ Da deutete der Tod auf ein ganz kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: „siehst du!“ Da erschrak der Arzt und sprach: „ach, lieber Pathe, zündet mir ein neues an, damit ich meines Lebens erst genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.“ „Ich kann nicht, antwortete der Tod, erst muß ein’s verlöschen, eh’ ein neues anbrennt.“ „So setzet das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist;“ sprach der Arzt. Da stellte sich der Tod an, als wollte er seinen Wunsch erfüllen, langte ein frisches großes Licht herbei, aber beim Unterstecken versah er’s, um sich zu rächen, absichtlich und das Stückchen fiel und verlosch. Da sank der Arzt mit um, und war nun selbst in die Hand des Todes gefallen.

(Kinder und Hausmärchen der Brüder Grimm, KHM 44)

 


 

Kommentar 1

Suche nach Orientierung. Können Märchen dabei helfen? Lösen sie Deutungen aus, die als unterstreichenswert gelten dürfen? Und sind es die richtigen, die hier versuchshalber unterstrichen wurden, als Brücke zur Gegenwart?

Ein unheimliches Märchen. Ein Mann, für den die Erfahrung von Armut die allesbeherrschende ist, zieht gleich mehrere Figuren an, die bereit sind, ihm zu helfen. Dabei geraten die herkömmlichen Hierarchien jedoch vollkommen durcheinander. Gottvater selbst will sich als Gevatter des Kindes annehmen. Doch er wird abgelehnt. In ihm sieht der Arme nichts anderes als den Verteidiger des Status Quo: Den Reichen werde gegeben, die Armen hungerten. Der Vater geht aus von dem, was ihn sein bisheriges Leben gelehrt hat. Seine Suche nach einem Paten für das Kind entspricht der Suche nach echter Gleichheit. Er ist daher bereit, das Versprechen zu brechen, mit dem er sich auf die Straße begeben hat: Den Ersten wollte er bitten, der Gevatter des Neugeborenen zu sein – den Ersten, was zu heißen schien: den Erstbesten.

Und in der Tat leuchtet im Text auf, dass dieses Wort – der Erstbeste – eine neue Bedeutung gewinnen könnte: Der Erstbeste ist nicht irgend jemand, sondern wirklich der Beste, den es gibt – eben Gott. Und auch das, was Gott verspricht, übersteigt alles, was ein armer Mann mit dreizehn Kindern sich erhoffen kann: Er verspricht, für das Kind zu sorgen und es glücklich zu machen »auf Erden«. Gott macht also ein ebenso attraktives wie erstaunliches Angebot. Er verweist nicht allein auf die jenseitige Glückseligkeit, sondern begründet mit dem Mitleid, das die Armut des Mannes ihm einflößt, auch seinen Willen, das Kind schon hiernieden glücklich zu machen. Mehr kann der Vater also gar nicht wünschen. Das Unwahrscheinlichste erfüllt sich gleich zu Beginn. Das Höchste, was man sich ersehnen kann, ist da, als Gabe. Der Vater muss sie nur annehmen, dann wird das Kind sein Lebtag aller Sorgen ledig sein.

Doch so, wie der Text mit der staunenswerten Erfüllung beginnt – eben diesem Erscheinen Gottes – und demnach erwarten ließe, dass die Geschichte hier schon zu ihrem überaus glücklichen Ende finden wird, so setzt sie sich auch fort, nämlich: Staunen erregend. Offenbar ist der Vater nicht wirklich ausgezogen, um eine Lösung für sein Neugeborenes zu finden. Vielmehr vermitteln Kürze und Entschiedenheit, mit denen er Gott abweist, den Eindruck, dass er dabei ist, die Gleichheit zu suchen. Das Glück des Kindes erweitert sich zu einer sehr viel weitergehenden Forderung, nämlich der, das Verhältnis von Arm und Reich von Grund auf neu zu bestimmen.

Dabei ist der arme Mann jedoch nicht einmal als teuflisch Verführter zu bezeichnen. Die zweite Begegnungsszene zeigt es: Der Suchende stößt zwar Gott zurück, doch das heißt noch lange nicht, dass er sich dem Teufel ergeben würde. Dieser wird vielmehr sogleich als Betrüger und Verführer abgetan und das zweite Angebot, das »Gold in Hülle und Fülle und alle Lust der Welt« versprach, abgelehnt. Erneut zeigt sich, dass es dem Vater, der »Tag und Nacht arbeiten« musste, um seinen Kindern »nur Brot geben« zu können, die Einschaltung der urteilend-auktorialen Stimme, die nach der Begegnung mit Gott im Text hörbar wird, nicht verdient. Diese Stimme erinnert die Leserschaft daran, dass der Mann nicht gewusst habe, »wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt.«

Doch dieser Einschub bleibt dem Drang, mit dem der Vater seine Suche fortsetzt, ganz fremd. Die Entschiedenheit, mit der er den Teufel von sich weist, zeigt, dass es ihm nicht um den Reichtum an sich geht. Sein Leiden ist weniger ein Leiden an der Armut, sondern vielmehr ein Leiden an der Ungerechtigkeit, die der Ungleichheit der Menschen innewohne. Und diese Ungleichheit ist nicht einfach nur da, ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hergestelltes: Gott hat die Macht, zu geben und zu nehmen, und weil er beim Geben und Nehmen keine Gerechtigkeit walten lässt, stellt sich auf Seiten des armen Mannes die Gewissheit ein, Gott und Teufel seien letztlich identisch: Betrügerisch gehen beide vor.

So ist es denn nur konsquent, wenn sie beide vom Armen in einer großen Geste der Revolte zurückgewiesen werden und die Suche des Vaters ihren Fortgang nimmt. Auf Gott und Teufel mag er nicht zählen, und auch nicht auf den Reichtum, die Sorglosigkeit und die Lust, die beide, wenn auch in variierenden Worten, versprechen. Der Arme legt ein Selbstbewusstsein an den Tag, das mit seiner sozialen Position schwer vereinbar zu sein scheint. Eigentlich steht es ihm nicht zu, das Brot auszuschlagen, das er normalerweise im Schweiße seines Angesichts und kaum ausreichender Menge verdient – das Brot, das ihm jetzt »in Hülle und Fülle«, im reinen Überfluss, zum Angebot gemacht wird.

Doch die Klimax, auf die die beiden ersten Szenen hinauslaufen, zeigt, worauf es ihm ankommt. Der Leser weiß es schon: Die dritte Begegnung wird die allesentscheidende sein. Die ersten zwei sind nichts anderes als ein Vorspiel zum Eigentlichen. Und in der Tat hatte der Titel des Märchens schon angedeutet, wer im Zentrum des Geschehens stehen wird: der Gevatter Tod. Er ist es, dessen Angebot der arme Mann annimmt, ihm wird Vertrauen entgegengebracht. Während Gott und Teufel sich genötigt sahen, Versprechungen zu machen, um dem Armen zu einer Entscheidung zu ihren Gunsten zu ermuntern, sagt der Tod nur, wer er ist. Das reicht, um den Entschluss des Armen herbeizuführen. Keine Leistungen, keine Gaben sind nötig, um den Tod als den erwarteten, den besten und überzeugendsten Gevatter erscheinen zu lassen: Dass der Tod der große Gleichmacher ist, dass er Arme wie Reiche hole, »ohne Unterschied«, das ist das entscheidende Argument. Was der Tod dann noch verspricht, ist eine Draufgabe, ist ein Zusatz – die Entscheidung für ihn aber ist längst gefallen.

Es zeigt sich, dass der Vater seinen Neugeborenen nur auf eine Weise zu erhofften Gleichheit verhelfen kann: indem er ihn nämlich, kaum geboren, in die Hände des Todes legt. Das könnte bedeuten, dass er jede Hoffnung aufgegeben hat. Angesichts der Armut, die es unmöglich macht, die übrigen zwölf Kinder richtig zu ernähren, wäre dem dreizehnten ein schneller Tod zu wünschen.

Doch der Vater war ja auf die Straße gegangen, um einen Paten zu finden, und das hieß eben: Das Kind sollte von diesem aus der Taufe gehoben werden. Insofern aber die Taufe mit dem Wasser des Lebens vollzogen wird, war es nicht allein der Todeswunsch, der den Vater zu seiner Suche bewog. In der Tat trägt er dem Tod, nachdem dieser versprochen hat, das Kind reich und berühmt zu machen, auf, pünktlich zur Taufe zu erscheinen und verlässt ihn sogleich.

Dieses Versprechen ähnelt nun dem vorherigen Versprechen auf erstaunliche Weise. Gott verheißt dem Kind ein sorgenfreies, glückliches Leben, der Teufel »Gold in Hülle und Fülle«, der Tod schließlich Reichtum. Nur ein Element kommt hinzu, und das ist die Berühmtheit. Wie der weitere Fortgang der Geschichte zeigt, hat die Berühmtheit mit dem innigen Kontakt zu tun, den das Kind durch Taufe und Leben unter dem Schutz des Todes, zu eben ihm – nämlich dem Tod – entwickelt. Die Patentschaft des Todes äußert sich darin, Todgeweihte von denjenigen unterscheiden zu können, deren Lebensfrist noch nicht abgelaufen ist. Das, was als ärztliche Kunst erscheint – die Lebenserwartung von Kranken treffsicher vorauszusagen – verdankt sich in Wirklichkeit einer Absprache. Das zum Erwachsenen gereifte Patenkind wird eingeweiht in die symbolische Stellung, die der Tod an den Betten der Kranken jeweils einnimt. Es reicht also, zu sehen, wo er steht, um zu sagen, wie es um den Kranken steht.

Das Kraut, das der Tod seinem Patenkind im Wald zeigt, ist hingegen ein bloßes Anhängsel eines anderen, vom Tod schon festgelegten Wissens. Zwar tut das Kraut seine Wirkung, d.h. es macht Kranke wieder gesund, doch eigentlich beschränken sich die ärztlichen Heilungsversuche darauf, eine Entscheidung zu befestigen, die der Tod längst getroffen hat. Der Handlungsspielraum des Arztes ist ein extrem geringer. Er wird zum bloßen Sprachrohr des Faktischen: Entweder der Kranke stirbt oder er stirbt nicht. Die Berühmtheit des Arztes ist eine zwielichtige. Sie beruht darauf, dass stets eintritt, was der Tod durch sein Stehen am Kopf- oder Fußende des Krankenlagers je schon festgelegt hat. Der Nimbus des Arztes beruht auf der Unfehlbarkeit seiner Voraussagen, und weniger auf seiner Fähigkeit, Kranke gesund zu machen.

Zwar gelingt ihm auch das, und überdies mit der gleichen Unfehlbarkeit, die sein Urteil über den bevorstehenden Tod anderer Patienten kennzeichnet – doch entscheidend ist trotzdem, dass das eigentliche Patengeschenk darin besteht, etwas zu sehen, was andere nur ahnen, jedoch nicht mit Sicherheit benennen können: ob der Tod schon am Fußende bereitsteht, um den Kranken mit sich zu nehmen, oder ob noch Hoffnung auf Aufschub besteht.

Dieser Determinismus ist, wie die strenge Rede des Gevatters an seinen Paten zeigt, kein unaufhebbarer. Das Kraut ist wirklich ein Kraut, das heilt, und es ist so stark, dass es sogar das Urteil, das der Tod über einen Kranken gefällt hat, aufzuheben vermag. Zwar ist es die Scharfsichtigkeit der Prognosen, die den Arzt berühmt und reich macht, doch eigentlich besteht seine Macht in der Verfügung über dieses Kraut. Insofern ist dieses doch nicht sekundär. In dem Moment, in dem der Arzt das Wissen, das ihm der Tod vorgibt, nicht mehr übernimmt, sondern sein eigenes, heilendes Wissen diesem entgegensetzt, hebt er den Determinismus auf und schränkt er die Macht des Todes ein.

Die Einschränkung kommt immer nur den anderen zugute: Je stärker sich der Arzt von den Vorgaben des Todes löst und allein über die Heilung zu verfügen beginnt, desto mehr läuft er selbst das Gefahr, die Drohung auf sich zu lenken, die ihm der Tod bei der Einweihung in die Macht des Krautes mit auf den Weg gegeben hatte: dass es ihm schlecht ergehen werde, wenn er gegen seinen, des Todes, Willen handle. Jede neue Rettung von Menschenleben führt also den Arzt hin zu seiner eigenen Katastrophe. Die Vermeidung des Todes für die anderen schlägt um in ein Todesurteil gegen ihn selbst.

In Bezug auf die deterministische Grundhaltung, dem der Vater des Paten das Wort geredet und die der Tod selbst dem erwachsen gewordenen Kind gegenüber bekräftigt hatte, ist der folgende Schluss zu ziehen: Wenn es dem Patenkind nur so lange nicht schlimm ergeht, wie er seine Patienten ihrem vom Tod bestimmten Schicksal überlässt, ist er nicht wirklich ein Arzt zu nennen. Vielmehr verzichtet er darauf, zum Kern seines Berufs vorzudringen. Und dieser Kern ist: sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Tod zu stellen – und also auf die Seite des Lebens. Genau dies aber unterlässt der Arzt. Seine Berühmtheit verdankt sich einer Haltung, die sich kaum von der des gescholtenen Teufels unterscheidet: Er betrügt. Es ist der Tod, der dem Arzt eingibt, bei bestimmten Patienten zu sagen, alle Hilfe sei umsonst. Der Betrug besteht also darin, noch nicht einmal zu versuchen, ob alle Hilfe umsonst ist.

Das ist darum besonders perfide, weil dem Arzt durchaus bewusst ist, dass der Tod ihm das Mittel in die Hand gegeben hat, noch die verzweifeltsten Fälle zu heilen. Der Tod hat gleichsam sein eigenes Leben und Tun in die Hand seines Schützlings gelegt. Würde dieser allen Patienten das Kraut verabreichen, wäre der Bann des Todes überhaupt gebrochen.

Aber der Tod ist nicht umsonst der Tod. Zwar versteht er sich auf die Kunst des Heilens, doch das heißt noch lange nicht, dass das Lebensspendende, das dem Kraut innewohnt, sich zur Herrschaft über die gesamte Welt des Lebendigen aufzuwerfen vermöchte. Es ist wichtig, dies ein weiteres Mal zu betonen: Das Kraut hilft immer nur dem anderen, dem Patienten – und nicht dem Arzt selbst. Dieser begibt sich in umso größere Gefahr, je weniger er an sich selbst denkt.

Das Paradox besteht nun darin, dass sich diese seine Gefährdung gerade an den Patienten erweist, die den Vater dazu bewogen hatten, die Hilfe Gottes und des Teufels auszuschlagen. Es ist der König, an dessen Krankenbett der Arzt zum ersten Mal den Ungehorsam einübt, durch den er plötzlich seinen Beruf erfüllt. Der König als einflussreicher und überhaupt reicher Mann, ist der Inbegriff von hierarchischen Strukturen, die die Ungleichheit zu etwas Dauerhaftem verfestigen. Der Sohn, um dessen willen der Vater den Vertrag mit dem Tod eingegangen war, widersetzt sich also nicht allein dem Tod, sondern auch dem Gleichheitsstreben, das am Ursprung seiner Taufe lag: Der Arzt wird zum Handlanger der Reichen und Mächtigen. Seine Gabe, das gesundmachende Kraut zu verabreichen, bekommt nicht ein armer Kranker, sondern ausgerechnet der König. Der Gleichmacher Tod, dem der Vater vertraut hatte, sieht sich überlistet, aber dadurch eben auch der Gleichheitsgedanke. Es zeigt sich, dass vor dem Tode eben doch nicht alle gleich sind, sondern ein König, zu dessen Krankenbett ein Arzt gerufen wird, größere Aussichten hat, zu gesunden, als ein Armer – schlicht weil er König ist und den Arzt zu einer Ausübung seines Berufes bringt, die bei einem Armen stets dem Determinismus gewichen wäre. Der Arzt, dessen Leben dem väterlichen Willen nach im Zeichen der Gleichheit hatte stehen sollen, wird zum Verteidiger der sozialen Ungleichheit.

Doch in Wirklichkeit ist dieser Bruch mit dem Vater natürlich schon in der Wahl des Berufs selbst angelegt. In dem Moment, in dem sich der Arzt die Heilung von Kranken zur Aufgabe macht, löst er sich ab vom Gleichheitsgedanken, den der Vater in aller Radikalität vertreten hatte. Der Tod ist nur so lange ein Gleichmacher im reinsten Sinne, wie sich die Kranken in die Hand Gottes begeben und gar nichts zu ihrer Heilung unternommen wird. Sobald der Arzt auf den Plan tritt, ist schon der erste Schritt hin zur Ungleichheit getan.

In gewisser Weise ist die Erkrankung des Königs aber doch auch ein Beweis für diese Gleichheit, denn es werden eben nicht nur die Armen krank, sondern die Krankheit trifft, wen immer sie will. Diese Tatsache wird im Märchen durch den weiteren Verlauf gestützt, zu dem es nach der – sozusagen widerrechtlichen, dem Tod zuwiderlaufenden – Heilung des Königs kommt. Es ist, als habe der König seine Tochter mit dem Tod angesteckt und als zeige sich die Gleichheit aller vor dem Tod nun noch einmal und sogar in gesteigerter Form. Denn die Königstochter ist nicht nur Mitglied der reichsten und wichtigsten Familie des Landes, nicht nur Teilhaberin an der Spitze der herrschenden Hierarchie, sondern sie ist zugleich auch wegen ihres jungen Alters besonders zu bedauern, mehr noch als der König. Die Gleichheit, die der Tod verkörpert, schlägt gewissermaßen doppelt zu: dadurch, dass der Tod der sozialen Stellung der Prinzessin nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt, und dadurch, dass sie trotz ihres jungen Alters sterben soll.

Der Arzt wiederum folgt einem neuen Prinzip, und dies hat augenscheinlich nicht nur damit zu tun, dass er die geltenden, hierarchischen Strukturen verinnerlicht und »rettungswürdige« Patienen von solchen unterscheidet, die man sterben lassen kann. Vielmehr stellt die Häufung von tödlichen Krankheiten in ein- und derselben Familie – erst der Vater, dann die Tochter – ein Movens dar, um den Tod nicht länger hinzunehmen. Die flehende Rede, die der genesende König dem Arzt hält, löst genau das Gefühl aus, das Gott als Grund dafür angeführt hatte, dem Neugeborenen helfen zu wollen: Der Arzt empfindet Mitleid. Dieses Mitleid ist zunächst einmal eines mit dem Vater. Er ist es, der wegen der Erkrankung seines einzigen Kindes Tag und Nacht weint, bis hin zur Erblindung.

In einem zweiten Schritt ist es dann jedoch auch die Kranke selbst, die das Mitleid auf sich zieht. Das Märchen betont, wie schön sie sei. Der Wunsch des Arztes, ihr zu helfen, hat offenbar auch damit zu tun, dass diese ihre Schönheit mit dem Tod vergehen müsste. Entscheidend aber wird das lockende Versprechen, das derjenige, der seine einzige Tochter rette, Hochzeit mit ihr halten und König werden dürfe. Es ist also die Aussicht auf einen geradezu superlativischen Aufstieg, der den Arzt dazu veranlasst, alle Drohungen, die der Tod nach Heilung des Königs gegen ihn ausgestoßen hatte, in den Wind zu schlagen. Er heilt auch die Tochter und verhindert so, dass dem Vater seine eigene Heilung zur Bitternis werden muss.

Doch nach dieser zweiten Heilung steigert sich die Drohung des Gevatters Tod zu einer superlativischen: Während er sich nach Heilung des Königs noch damit begnügt hatte, seinem Patenkind böse und finster mit dem Finger zu drohen, begleitet er die Heilung der Königstochter bereits mit geballter Faust. Zur Klimax kommt es, als dieselbe Hand nach der Rückkehr der Königstochter zum Leben nun den Arzt selbst packt und mit sich nimmt. Von des Todes Hand wird gesagt, sie sei eiskalt, und so ist auch die Atmosphäre in der Höhle, in die der Arzt aufgrund seines Betrugs geschleppt wird. Die Lebenslichter, die dort brennen, bestätigen, was der Vater am Tod anziehend fand: Jeder hat sein Lebenslicht, und wie lange es brennt, hat allein mit der Länge des Lichts und nichts mehr mit sozialen und sonstigen Unterschieden zu tun.

Das Merkwürdige des Schlusses besteht darin, dass der Tod, der doch über das Leben der Menschen zu verfügen können scheint, selbst einen teuflischen Betrug begehen muss, um sein Patenkind mit dem Tod zu strafen: Er tut nur so, als würde er dessen Lebenslicht verlängern, nutzt die neue Kerze in Wirklichkeit aber nur, um das letzte, verbleibende Flämmchen auszulöschen. Da dieses schon ganz klein geworden war, war damit zu rechnen gewesen, dass es ohnehin bald erlöschen würde. Doch offenbar führt der Tod zum Schluss eine gewisse Beschleunigung herbei, tötet also den Arzt zu einem früheren Zeitpunkt als vorgesehen. Die Lebenszeit, die mit dem brennenden Docht von jeher vorgegeben zu sein schien, ist es dann plötzlich doch nicht. Der Tod kann, wenn er will, modulierend wirken.

Er stellt damit so etwas wie ein neue Form von Gleichgewicht her: Der Arzt hat ihn um den Tod der beiden königlichen Patienten betrogen – jetzt betrügt er umgekehrt den Arzt. Es ist also so, als gäbe es die Möglichkeit, Lebenszeiten gegeneinander zu verrechnen. Lebt der eine länger, musst der andere dafür zahlen. Schlägt der Arzt dem Tod ein Schnippchen, schnappt der Tod anderswo zurück. Die Gleichheit ist keine durch festgelegte Lebenslichter je schon gegebene. Vielmehr stellt Gleichheit einen Prozess des kollektiven Ausgleichs dar: Wenn der König dem Tod entkommt, muss dieser eben auf andere Weise seine Ansprüche befriedigen. Die kollektive Dimension des Sterbens, ihre Interdependenz, leuchtet durch die Geschichte.

Die Begegnung mit dem Tod ist nicht allein durch’s Lebenslicht und seine Dauer bestimmt. Der Tod selbst verfügt über Mittel gegen sich selbst. Das Kraut ist die Widerlegung seiner selbst. Sobald der Arzt dasselbe in der Hand hat, hat er eigentlich auch den Tod in der Hand. Denn in dem Moment, in dem der Arzt beginnt, unabhängig darüber zu befinden, wer weiterleben dürfe, macht er den Tod sinnlos und verurteilt ihn durch diese neue, potentiell universale Wirkungslosigkeit selbst zu so etwas wie einem Tod – hier: zur Wirkungslosigkeit. Wenn der Tod nicht mehr töten kann, ist er nicht mehr. Und da man, wenn man nicht mehr ist, als tot zu gelten pflegt, enthält das Kraut den Gegensatz zwischen Tod und Leben in sich: Das Kraut belebt die Sterbenden, gibt sie dem Leben zurück – und proportional dazu verurteilt es den Tod zur Machtlosigkeit.

Erstaunlich an dem Märchen ist, dass der Arzt dem Tod noch dann vertraut, als er diesen schon betrogen hat. Es ist, als wirke die Zuversicht des Vaters nach, der im Tod den großen Gleichmacher gesehen hatte. Einen Gleichmacher, der, anders als der Teufel, ehrlich ist. Doch der Arzt selbst vergeht sich gegen diese Gleichheit, denn er rettet die beiden Kranken, die aufgrund ihrer sozialen Stellung aus der Masse hervorgehoben sind. Weil er zu allem Überfluss dann auch noch selbst König zu werden hofft, macht er sich bezüglich des Vermächtnisses des Vaters gleich doppelt schuldig: Er unterwirft sich den Hierarchien und gibt den beiden königlichen Patienten ein Leben zurück, auf das diese gar kein Anrecht hätten. Und er hofft, durch die Dankbarkeit, die ihm der König entgegenbringt, auf eine Erhöhung der eigenen, sozialen Position. Es ist, als verspreche sich der Arzt durch die bloße Aussicht, selbst bald zur Königsfamilie zu gehören, eine Überwindung des Todes. So argumentiert er denn auch dem Tod gegenüber, dass dieser doch bitte sein Lebenslicht verlängern möge, damit er dieses Glück noch genießen kann.

Der Tod aber entscheidet anders. In gewisser Weise erfüllt er damit die Forderung, die der Vater mit dem Auftrag, Pate zu sein, an ihn gestellt hatte. Er verwirklicht wirklich das Gleichheitsprinzip. Das bevorstehende, märchenhafte Glück ist kein Grund, nicht zu sterben. Das Schönste – Hochzeit und Königtum – gehört nicht zum Kraut, das Leben verheißt. Vielmehr agiert der Tod vollkommen unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation desjenigen, für den es an’s Sterben geht. Man könnte also sagen, dass sich, als das Lebenslicht des Arztes erlischt, etwas objektiv Notwendiges vollzieht. Er stirbt, weil dies der Moment seines Todes war.

Man könnte aber umgekehrt genauso gut die Geste des Auslöschens betonen, und dann käme der Tod des Arztes einer Strafe für seine Hoffnung gleich, sich dem Gleichmacherischen des Todes zu widersetzen. Für die Bestrafungsthese spricht, dass der Tod ausdrücklich auf Rache aus ist daher nur so tut, als könne das »frische[] große[] Licht« das neue Lebenslicht des Arztes werden. Das »Umstecken« wird zu einer versteckten Tötung.

Der Arzt, der bisher stets wusste, wer sterben würde und wer nicht, ist in Bezug auf seinen eigenen Tod merkwürdig blind. Der Tod steht da, doch da der Arzt nicht liegt, ist die räumliche Position, durch die der Tod stets anzuzeigen pflegte, ob er den betreffenden Menschen mit sich nehmen würde oder nicht, nicht erkennbar. Wenn der Arzt läge, wüsste er vielleicht, woran er ist. Stünde ihm der Tod zu Füßen, wäre sein Tod eine Sache, über die sich unter keinen Umständen verhandeln lässt.

In gewisser Weise ist das Ende des Märchens auch ein Nachdenken über den plötzlichen, unangekündigten Tod. Es ist der Sturz, der im letzten Satz erwähnt wird: Der Arzt sinkt um, liegt also nicht und stirbt dann, sondern stirbt und liegt dann. Es ist ein Tod, dem keine Schwäche vorausgeht. Tod und Arzt stehen sich zuvor als Ebenbürtige gegenüber. Wer steht, kann gehen, sich bewegen, verfügt über sich. Wer liegt, ist ausgeliefert. Darum ist es auch ein Zeichen von Macht, wenn ein Mensch liegt und der andere über ihm steht. Es ist das, was Schlafende um jeden Preis vermeiden wollen.

Im Märchen aber wird dieses körperliche Ungleichgewicht zwischen Tod und Arzt erst noch hergestellt. Es ist noch nicht eingetreten. Die Frage, ob der Arzt liegen wird, wie zuvor seine Patienten vor ihm lagen, ist eine auf Leben und Tod. Insofern ist auch die vorherige Stellung des Todes von größter Wichtigkeit. Am Fußende des Kranken zu stehen, bedeutete, dass dieser sterben würde, zu seinen Häupten zu stehen, hingegen die Rückkehr zum Leben. Dass der Arzt seinem eigenen Schicksal gegenüber blind ist, obwohl er zuvor stets wusste, wie es um seine Patienten stand, hat wesentlich mit diesem seinem – des Arztes – Stehen zu tun. Läge er, wüsste er auch. Unterwürfe er sich, indem er – liegend, sich hinlegend – seine Schwäche zum Ausdruck bringt, wäre der Betrug durch den Tod nicht möglich. Dieser müsste entscheiden, von welcher Seite er an den Arzt herantritt: vom Kopf- oder vom Fußende her. Der Tod könnte den Arzt dann immer noch töten, doch sein Tod wäre kein blinder mehr, sondern ebenso sehend wie all die Tode, die der Arzt als Arzt zuvor begleitet hatte.

Weil nun aber wiederum ein Arzt dies nur dann sein, wenn er steht, und nicht dann, wenn er sich zu seinem Patienten legt, steht er, wo er selbst plötzlich zu letzteren gehören soll, vor einem Dilemma. Er kann sich nicht hinlegen, weil er dann kein Arzt mehr wäre. Er kann aber auch nicht stehen bleiben, weil er als Stehender niemals erfahren wird, wie der Tod zu ihm steht. Diese Kenntnis setzt immer schon voraus, dass man die Schwäche anerkennt, wesentlich ein Liegender zu sein. Es ist, als wäre der Tod durch den Kontakt zur Königsfamilie zu dieser herrschaftlichen Geste des Immer-aufrecht-stehen-Wollens verführt worden, und als würde durch den plötzlichen Sturz, der den Abschluss des Märchens bildet, der Ausgleich zwischen Tod und Leben und zugleich auch ein Ausgleich zwischen Stehen und Liegen geschaffen.

Die einzige Frage, die dann noch offen bleibt, bezieht sich auf die rotierende Bewegung, in die der Arzt zuvor seine königlichen Patienten zu versetzten gewusst hatte. Die Rettung des Königs und seiner Tochter ist ja, so vermittelt uns das Märchen, nicht allein auf das Kraut zurückzuführen. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass der Arzt seine Patienten erst einmal vom Tod wegdrehen muss, um überhaupt die Chance zu haben, diesen Kraut und Leben einzugeben.

Dass der Tod in hoffnungslosen Fällen an’s Fußende zu treten pflegt, hat mit einer Tradition zu tun, die besagt, Tote dürften nur mit den Füßen voraus aus ihrem Haus getragen werden. Es ist, als bedeute die Annäherung des Todes an die Füße des Patienten, dass dieser niemals auf die Beine komme, kein Fuß mehr im Leben fassen wird.

Doch gleichzeitig ist die Wahl von Kopf- und Fußende auch ein Mittel der Kommunikation. Der Tod erhöht das aufrecht-stolze Stehen des Arztes, indem er im Wortsinn Stellung zum Sterbenden bezieht. Das aber ist in gewisser Weise schon ein Trick, ein taschenspielerischer. Als es am Ende um den Tod des Arztes geht, erweist sich, dass der Trick, der ihm zu Ruhm, Ansehen und fast auch zu einem Königtum verholfen hat, nur funktionieren kann, wenn es jemanden gibt, auf dessen Körper der Trick einwirken kann. Arzt und Tod brauchen immer einen Dritten, um ihre Absprache in die Tat umsetzen zu können. Und da die Tat immer über Tod und Leben entscheidet, ist es eben auch eine Frage auf Leben und Tod, wenn das Dritte wegfällt.

Das Kipp-Motiv, das den Text beschließt, antwortet auf dieses Dilemma: Der Arzt ist zum Schluss ein Stehender, der im nächsten Moment zu diesem Dritten – dem Liegenden – wird. Er sinkt (oder kippt) sich selbst zu Füßen, was bedeutet, dass der Tod nicht mehr an seinem Haupt stehen kann. Der Arzt ist das tertium comparationis zwischen dem Tod, gegen den er zu stehen versucht, und dem Liegend-Hingestreckten, den derselbe Tod ereilt. Mit anderen Worten: Der Arzt kann sich drehen und wenden, wie er will, sprachlich, körperlich – die Drehung, mit der er seine Patienten hatte retten können, wird ihm selbst nicht möglich sein.

Denn bevor er als Liegender seine Füße vom Tod wegdrehen könnte, muss er überhaupt in die Position des Liegenden gelangen, und darin besteht die ganze Schwierigkeit. Als Stehende und Miteinander-Sprechende sind Tod und Arzt zwei Figuren, die ihre Köpfe einander zuwenden. Doch wenn der Arzt fallen wollte (um zu erfahren, ob der Tod es ehrlich mit ihm meint und wirklich an seinem Kopfende stehen wird), müsste er, im Fall, dass der Tod ihm doch ans Leben will, die Kraft finden, seine Füße selbst, ohne ärztliche Hilfe, von seinem Gegner wegzudrehen, um zwischen seinem eigenen, liegenden Kopf und dem über ihm aufragenden des Todes das Gespräch und die Verhandlungen über‹s Leben fortzusetzen.

Das Märchen lehrt, wie schon weiter oben gezeigt, dass ein Arzt in den entscheidenden Momenten immer nur ein Arzt für jemand anderen sein kann, niemals aber für sich selbst. Der Arzt heilt andere, doch sich selbst nur so lange, wie er zu stehen vermag. In dem Moment, in dem er in die liegende Position gesunken und zum Drehen unfähig geworden ist, bräuchte er einen zweiten Arzt – einen anderen als sich selbst –, um weggedreht und wieder in die stehende Position des Lebens hochgezogen werden zu können. Das Märchen ist damit auch eines über die Einsamkeit von Ärzten. Sie stehen und stehen, doch in dem Moment, in dem sie zusammenbrechen, liegen sie und sind keiner Drehung mehr fähig.

Und weil die Umstehenden, die ihnen zur Hilfe kommen könnten, nicht den Blick und die Kenntnisse haben, die es ihnen erlauben würden, den Tod zu erkennen und den darniederliegenden Arzt von ihm wegzudrehen, sind Ärzte als Figuren zu betrachten, die der Gleichheit besonders ausgesetzt sind: Sie liegen wirklich, wenn sie liegen, und sind dabei ganz ehrlich, will heißen: hoffnungslos ausgeliefert. Zwar scheint es zunächst, als würden sie ihre Ebenbürtigkeit zum Tod aufrecherhalten, d.h. sich durch ihr Wissen selbst retten können, doch wie das Märchen zeigt, verhält es sich gerade umgekehrt: Das Wissen wird dem Arzt zum Verhängnis, wieder einmal. Er weiß mehr, als dem Tod lieb ist. Der akzeptiert dieses Wissen nur so lange, wie die Einsamkeit des Arztes gesichert ist.

Der Arzt muss zwischen all den vielen Lebenslichtern allein fallen, weit entfernt, in eine dunkle Höhle entführt, dahin, wo niemand die Wendung seines Geschicks herbeiführen kann. Ans Kopfende des Arztes zu treten, würde heißen, anzuerkennen, dass lebensrettend ist, was er weiß und im Kopf hat. Doch Ärzte können sich diesen ihren Kopf nur so lange bewahren, wie der Tod ihnen das Stehen zugesteht. Und weil eigentlich die Rückkehr von König und Königstochter zum Leben dafür verantwortlich ist, dass der Arzt im Wortsinn dem Tod anheim-fallen muss, zeigt das Märchen eine Art Opfertod. Schockierend an diesem ist, dass es der Arzt gut gemeint, dass er gegen seine eigenen Interessen gehandelt hat, und das gleich mehrfach. Hätte er nur den König gerettet, wäre sein Leben noch nicht in Gefahr gewesen. Der Tod hätte ihm verziehen. Doch als der Arzt dann auch die Prinzessin rettet, springt der Tod wie eine Ansteckung von der Prinzessin auf ihn selbst über und tötet ihn.

Als Opfertod kann man sein Sterben bezeichnen, weil er sein Leben an Stelle des königlichen hingibt. Das, was sein Vater hatte verhindern wollen, tritt ein. Der Arzt wird bestraft für die Sünde, die darin besteht, den Reichen und Mächtigen eine Vorzugsbehandlung zuzugestehen. Diese danken es dem Arzt nicht, sondern leben weiter, während er stirbt. In der Tat steht der Arzt am Bette des Königs und dann am Bette der kranken Tochter. Doch umgekehrt sind König und Prinzessin nicht da, als der Arzt ihrer bedarf. Die soziale Ungleichheit, die der Arzt durch die Anwendung seines Wissens zu durchbrechen meinte – eine Anwendung, die den Mächtigsten zugute kam –, erweist sich als beständig. Der Arzt bleibt Arzt und stirbt obendrein. Er rückt nicht zum König auf, sondern belässt den alten in seiner Funktion.

Insofern ist der Opfertod des Arztes doppelt tragisch. Der Arzt lässt sich verführen vom Gefühl des Mitleids, ohne einen Blick dafür zu entwickeln, dass die Hierarchien jede Wendung, Drehung zu seinen, des Arztes, Gunsten nicht vorsehen. In den Genuss der Drehung hin zu einem glücklichen und langen Leben kommen immer nur die Reichen. In dieser Hinsicht hat sich der Vater getäuscht und sich den falschen Gevatter für sein Kind ausgesucht.

Anne Peiter


Kommentar 2

Arzt ist derjenige, der nicht weiß, ja nicht einmal sicher wissen darf, ob ein Kranker todgeweiht ist. Er muss handeln, als sähe er den Tod nicht zu Füßen des Kranken, auch dann wenn er sich fast sicher ist ihn zu sehen. Aber eben nur fast. Es ist der Beruf des Arztes, sein ganzes Ethos, den Tod nicht zu akzeptieren und ihn zu ignorieren, wenn er im Raum steht.

Was aber, wenn er es mit zwei Patienten zu tun hat, sein Kraut aber nur für eine Person reicht? Kann er es aushalten, nicht zu blinzeln und kurz zu schauen, wo der Tod gerade steht? Wäre es nicht sogar überaus vernünftig? Er muss ja eine Person opfern. Ist es da nicht das richtige, seine ärztliche Kunst derjenigen zuzuwenden, bei der sie fruchten wird? Muss er nicht das Wissen über den Tod, all die Erfahrung im Umgang mit ihm, die er im Laufe seines Berufslebens angesammelt hat und die auch seine Qualität als Arzt ausmachen, an dieser Stelle zum Einsatz bringen? Muss er das Kraut nicht derjenigen geben, die die höhere Überlebenswahrscheinlichkeit hat? Denn mehr als Wahrscheinlichkeiten hat ein Arzt von heute, der nur blinzeln und den Tod nicht so deutlich erkennen kann wie der Arzt im Märchen, ja nicht vor Augen.

Und weiter! Nehmen wir an, vor ihm liegen der König und seine Tochter und soweit er ist eben – blinzelnd – erkennen kann, steht der Tod steht an ihren Häuptern. überleben kann aber trotzdem nur einer von beiden, die Person nämlich, der er sein Kraut verabreicht und seine ärztliche Kunst zuwendet. Er wird vielleicht denken: Die Prinzessin ist jung und sie ist schön. Ist ihr Leben nicht mehr wert als das des alten Königs? Oder anders: Hat sie nicht, als noch junger Mensch, ein größeres Anrecht darauf zu leben als ihr Vater? Aber wer will das wissen? Hat sie in ihrem jungen Leben als Prinzessin, umgeben von um sie herumflatternden Verehrern, vielleicht viel mehr Glück genossen als der von der Last seines seit Jahrzehnten ausgeübten Amtes gebeugte alte Mann? Er hat sie mir zur Frau versprochen, wenn ich sie rette. Aber kann er sein Versprechen halten, wenn ihr Leben mit seinem erkauft sein wird? Und wird sie mich dann auch zum Mann nehmen sollen? Wir leben nicht mehr im Märchen und die Prinzessin hat auch etwas zu sagen. Ist angesichts dieser Unsicherheiten meine ganze Existenz nicht viel besser gesichert, wenn ich meine Kunst an den König sende? Dieser wird bei allem Schmerz um seine Tochter sicher dankbar sein.

Der Arzt hat gar keine Zeit, diesen Gedanken nachzugehen, die Argumente abzuwägen, in Märchen oder Richtlinien zu lesen. Seine Patienten liegen beide im Sterben, sind ohnmächtig und können seine Gedanken nicht verfolgen. Er kann sie nicht fragen. Und irgendwo geistert der Tod durchs Krankenzimmer. Er ist übernächtigt und kurz davor, selbst zu Boden zu sinken. Zu retten sind vielleicht beide, vielleicht aber auch nicht. So kann er nur reflexhaft, »aus dem Bauch« das Richtige tun und das Zucken seiner müden Hände in die zart fließende Bewegung verlängern, mit der er einen von diesen beiden das Kraut auf die Zunge legt.

Wolfram Ette

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