Corona 40: Sehnsucht

An eine von vielen

Vor dem Supermarkt treffe ich eine frühere Nachbarin. Ich habe sie eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Eine schöne Frau noch immer, doch vom Leben gezeichnet, viele gescheiterte Beziehungen, die letzte, die ich miterlebte und in der wieder einmal alles anders werden sollte, hat ihr eine kleine Tochter hinterlassen, die sie in Liebe und Armut erzielt. Ein wenig Esoterik gibt Halt. Ein Zeitalter der Liebe, so sagte sie mir vor einem dreiviertel Jahr, werde anbrechen.

Ich habe selbst eine Trennung hinter mir, bin beschädigt, ratlos, suchend, extrovertiert und in mich zurückgezogen seit einem Jahr. Alles gleichzeitig. Vom Zeitalter der Liebe hab ich noch nichts gemerkt. Sie weiß noch nichts davon, das verrät gleich ihre erste Frage. Also erzähle ich, gebe einen Abriss dieses einzigartigen Jahres.

Irgendwann liegt in der Luft – ich merke es an der beiderseitigen, ständigen Unterschreitung des gebotenen Mindestabstands –, wie schön es doch wäre, zusammenzuliegen und sich zu trösten. Die Wärme zu spüren, nicht zu reden, den Körpern eine Kommunikation überlassen, die nicht aus Ansteckung besteht. Zusammen schlafen – ja vielleicht. Ist aber nicht der Hauptpunkt. Es geht um die Nähe von Körpern.

Aber wir haben eine Epidemie, die uns zu Unberührbaren macht. Wir kommunizieren auf Distanz, idealerweise über körperlose Medien, die alles, was von uns ausgeht, desinfizieren. Wir sind kein Paar, das noch Rechte hat. Was, wenn wir eines würden? jetzt gleich? oder wenigstens ein halbes? wie es sich halt ergäbe? Ist es kein Recht, sich einem anderen Menschen anzunähern, wenn man ihn / sie begehrt? Ist der sexuelle Akt die einzig erlaubte Form der Nähe?

Hinzu tritt, dass ich mir vorkomme wie auf dem Präsentiertablett. Die anderen Kunden (nicht zahlreich) und das angemietete Wachpersonal (zahlreich), das jedem von uns einen zuvor desinfizierten Einkaufswagen zuweist, haben uns, so scheint es mir, die ganze Zeit im Visier. Argwöhnisch registrieren sie alle aus der Reihe tanzenden Bewegungen. Wieweit werden sich die beiden aneinander annähern? An welchem Punkt muss man eingreifen und sie auseinander treiben?

Ich werde von meinen eigenen Untertanenphantasien erdrückt, die das, was mich zu Beginn nur als schwacher Impuls streifte, mit einem Mal reizvoll bedeutsam erscheinen lassen, wie eine Wunde, die sich durch häufiges Berühren entzündet. Nach dem ersten Begehren entsteht ein zweites, ein drittes, ein viertes, aber nicht aus ihm, sondern aus der ohnmächtigen Opposition gegen die Einschränkung unseres Lebens, in der Opposition also gegen mich selbst, der ich mir ja einen Gutteil davon zusammenphantasiere.

Ich bin total konfus und was ich von der Frau eigentlich will, weiß ich schon gar nicht mehr. Derweil läuft das Gespräch weiter und weiter. Es hat sich mittlerweile der Epidemie zugewendet. Sie neigt zu Verschwörungstheorien, ich versuche freundlich zu bremsen. Und sie erzählt von der Blockwart-Mentalität in dem Haus, in dem sie wohnt und das ich kenne. Ich kann mir gut vorstellen, welche Fenster sich öffnen, wenn sie mit ihrem Hund in den nahe gelegenen Park aufbricht.

Erschöpft gebe ich auf und verabschiede mich. Ein gemeinsamer Impuls verbindet uns beim Weggehen: aufeinander zuzugehen und uns zu umarmen. Etwas davon nehme ich mit, überall dorthin, wo wir uns als verstreute Massepunkte bewegen.

Wolfram Ette

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