Corona 44: Das Diktat

Ein Film von Lavinia Chianello und Tom Creus über Lesen, Schreiben, Disziplin, Traum und Film.

Was für ein bemerkenswerter Film in den Zeiten der digitalen Lehre und des Lernens zuhause! Zeiten, in denen man sich fast schon nach Disziplin und Unterdrückung zurücksehnt, weil sie wenigstens mit körperlicher Präsenz verbunden waren. Jetzt sind – das ist meine Erfahrung der letzten Wochen – praktisch alle Formen einer nicht schriftbasierten Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern blockiert: es gibt keine Telefonsprechstunde, praktisch keine Videokonferenzen, keine Messenger-Kontakte zwischen Schülerinnen und Lehrerinnen. Das wird nicht nur einen Teil der Schüler aus diesem Schuljahr rauskegeln, sondern ihnen das letzte Bisschen Spaß an der Schule, den sie hatten, verderben. Träumer haben jedenfalls keine Chance. Doch wie war es früher?

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Wir sehen ein Klassenzimmer, wie es auch die älteren unter uns nicht mehr kennen. Ordentlich aufgereiht, in Uniform, sitzen die Schüler an ihren Pulten und nehmen ein Diktat auf. Es geht um den Frosch. Die Lehrerin hat einen Frosch an die Tafel gemalt, mit Pfeilen, die seine Verwandlungsstufen bezeichnen, daneben wohl die dazugehörigen Fachbegriffe. Alles atmet Strenge, Schweigen, Disziplin.

Doch einer der Schüler träumt. Er blickt immer wieder den Frosch an der Tafel an. Die Kamera geht zwischen seinen Augen und den gezeichneten Augen des Froschs hin und her. Eine Beziehung entsteht, die beiden – der eine eine Puppe aus Holz, Knete und Farbe, der andere eine hingeworfene Tafelskizze – blicken einander an.

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Verwandlung. Der Junge sitzt noch immer an seinem Pult. Aber es ist dunkel und wir hören das Quaken von Fröschen. Der Frosch ist lebendig geworden, das Grün der Tafel ist nun sein Grün geworden, das satte Grün seiner feuchten Haut. Wieder gehen die Blicke zwischen ihm und dem Jungen hin und her. Dann eine Schlange, eine Klapperschlange, die auf den ängstlich werdenden Jungen zukriecht –

– und ihr Klappern geht über das Schrillen der Schulglocke. Wieder das Klassenzimmer. Die Lehrerin wandert bedrohlich von Pult zu Pult. In der letzten Reihe bleibt sie stehen und mustert das Aufgeschriebene eines Schülers, der ängstlich zu ihr aufblickt. Unerbittlich ihr »Nein«, das langsame und unwiderrufliche Kopfschütteln, mit dem sie ihm signalisiert, dass das nicht genüge.

Da bekommt es der Junge, der vorher träumte, erst recht mit der Angst zu tun. Es ist die Angst vor der Klapperschlange, nun Teil seines wirklichen Lebens als Schüler. Er greift zu den Blättern seines Nachbarn, in der Hoffnung, dort das richtige Diktat zu finden. Aber auch hier – dasselbe wie bei ihm; oder jedenfalls etwas Ähnliches: All die Blätter, die er ängstlich zu sich herüberholt, zeigen Zeichnungen. Es sind der Frosch, die Lehrerin, ein Zauberer – sie alle in lustiger Entstellung. Es sind die naiven Karikaturen, die die Schülerinnen und Schüler aller Epochen in ihre Hefte malen, um die Langeweile zu vertreiben und dem Ärger über die Lehrer, vielleicht über andere Schüler oder über die gesamte Unterrichts-Situation eine Form zu geben.

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Das letzte Blatt enthält das Diktat. Es ist eine exakte Kopie seines eigenen, das am Ende der ersten Zeile mit einem langen Tintenstrich nach unten abriss. Der andere, so erfährt er in diesem Moment, ist wie er selbst; und man fragt sich in diesem Moment, ob es in diesem Klassenzimmer unter diesen so brav wirkenden Schülern viele gab, die dem dem Diktat folgen konnten.

Aber es trifft nur einen einzigen. Diesen einzigen In der nächsten Einstellung sehen wir einen leeren Stuhl. Der Junge ist jetzt hinter der Tafel – das ist wohl der Strafplatz – er hat die übergroßen, wie ein Kardinalshut aussehenden Eselsohren auf dem Kopf, durch den damals die Schüler, die nicht gehorchten, gezeichnet wurde. Es sieht lächerlich aus; und doch erhöht es ihn auf eine wunderliche Weise.

Mit verdrossenem Gesicht malt die Lehrerin ein weiteres Tafelbild. Es zeigt einen Jungen mit Eselsmütze – es ist eben der Junge, der hinter der Tafel kauert und das nicht sieht: sein allgemeines Bild, sein Symbol –, dann eine zweite Person, die einen Mann mit vielfach geflicktem Rock zeigt. Beide verbindet ein Pfeil und die Botschaft ist klar: wer in der Schule nicht aufpasst, wird fallen bis auf den Grund, er wird Bettler werden und sein Rock wird Flicken tragen.

Dann das nächste Tafelbild: es zeigt den guten Schüler, aus dem ein wohl situierter Bürger wird, dessen obrigkeitsstaatliche Gesinnung sich an der grüßend erhobenen – militärisch grüßenden – Hand zeigt. Ja. Das ist die Erfolgsgeschichte, deren Notwendigkeit die Lehrerin ihren Schülern einhämmern möchte.

Das wiederum ist nicht vergangen. Was machen Lehrer/innen heute, deren Möglichkeit zur Bestrafung ihrer Schüler eingeschränkt wurden? Sie drohen ihnen, dass, wenn sie die Schule – diesen Schultyp – nicht schaffen, ihnen der Weg nach oben versperrt sei. Aus die Maus; sie würden zwar nicht geradewegs zum Bettler werden, aber der Weg dorthin, wo sichs einträglich leben lässt, der sei dann versperrt; und möglicherweise drohten dann doch Arbeitslosigkeit und Armut. Auf dieser Klaviatur wird gespielt, weil es praktisch die einzige ist. Auf der Klaviatur der Angst – die vielleicht jetzt, wenn so manche Schülerin und so mancher Schüler vor dem Gebirge unerledigter Aufgaben verzagt, die sich auf dem Handy angesammelt haben, wieder schriller in den Ohren tönt.

Zurück zum Film von Chianello / Creus: Die Blicke der Schüler gehen zur Wand. Drei Bilder hängen dort. Das erste zeigt einen Militär, das zweite einen reichen Bürger – beide vom alten Schlage und derselben fernen Epoche entstammend wie das Klassenzimmer, die Schüler und die Lehrerin. Es sind die Erfolgstypen, die Schutzpatrone dieser Schule und dieses Schulsystems. – Das dritte Bild …

Doch bevor wir uns dem dritten Bild zuwenden, müssen wir eine Zwischenfrage stellen. Warum findet all das stumm statt? Warum redet die Lehrerin nicht mit den Schülern und schärft ihnen ein, was aus solchem Betragen wie dem gerade gezeigten einmal werden könnte? Die nächstliegende Antwort wäre, dass einem bei einem Stummfilm – und überdies einem Stummfilm mit Puppen, denen die Sprache der Mimik nicht zur Verfügung steht – wohl kaum etwas anderes übrig bleibe als die Strafpredigt, die die Lehrerin den anderen Schülern hält, zu visualisieren.

Trotzdem gibt es so etwas wie einen Rest, der in dieser Antwort nicht aufgeht. Es scheint eine besondere Gemeinheit darin zu liegen, dass der hinter die Tafel versetzte Schüler die Botschaft nicht hört. Dies ist nicht einfach eine Stummfilm-Szene, die mit allerlei Tricks und Hilfsmitteln eine Szene mit Ton nachstellt. Nein, es ist eine Szene, die stumm sein muss, eine stumme Stummfilmszene.

Und das heißt: Der Schüler hört die Botschaft der Lehrerin nicht, weil er sie nicht hören soll und weil er sie nicht mehr zu hören braucht. Für ihn ist alles zu spät, er hat seine Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg verscherzt und für ihn bleibt einzig und allein der Abstieg übrig. Er sitzt da mit seinen Eselsohren und kann dort für immer sitzen bleiben. Er wurde aufgegeben.

Das ist um so bemerkenswerter, weil dieser Film – ein Stummfilm – ja mit einem besonderen Akzent auf dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort einsetzte – eben dem Diktat, dem er seinen Namen verdankt. Es ist die Aufgabe der Lehrerin, den Schülern Lesen und Schreiben beizubringen, die Kulturtechniken also, die notwendig sind, um zu kommunizieren, wenn man sich nicht sieht – die Kulturtechniken, auf die wir im Moment bis zum quälenden Überdruss angewiesen sind. Vielleicht will sie nicht bloß den hinter der Tafel sitzenden Schüler ausschließen. Vielleicht ahnt sie, dass das gesprochene und vielleicht auch hier per Diktat niedergeschriebene Wort die Schüler nicht erreicht. Vielleicht ahnt sie, dass sie auf ältere, robustere Formen der Darstellung zugrückgreifen muss, um nicht noch mehr Schüler zu verlieren. Und damit hat sie ganz recht, denn zumindest wir wissen ja, dass der bestrafte Schüler nicht der einzige war, der dem Diktat nicht folgen konnte und dass sich seinem Banknachbarn – wie ihm – das Diktat in Bilder übersetzte.

Der Blick der Schüler fällt nun auf das dritte, an der Wand hängende Bild.

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Es zeigt einen alten Mann – lange weiße Haare, langer weißer Bart. Er hat die Eselsmütze auf und macht das Victory-Zeichen. Die nächstliegende Assoziation, die sich dabei einstellt, ist die an Gottvater, die an den Höchsten also, den es gibt, jenen, der weit über den irdischen Mächten von Staat und Militär steht. Er selbst also ist ein Bestrafter, doch einer, der nun triumphiert. Die Letzten, so erfahren wir, werden die Ersten sein.

Es ist offensichtlich die Einbildungskraft der Schüler, die ihnen hier einen Streich spielt. Aber es zeigt an, dass das subversive Vermögen – hier: das Träumen von Filmbildern – nicht das Werk eines Einzelnen ist, der von der Gesellschaft ausgeschlossen ist und dass es selbst nicht dadurch ausgeschlossen werden kann, dass man Einzelne, die auffällig geworden sind, ausschließt.

Deswegen, so glaube ich, ist der bestrafte Schüler in der nächsten Sequenz nicht mehr allein. Ihm sitzt ein zweiter, ebenfalls hoch Bemützter, gegenüber, der sein Spiegelbild sein könnte. Ein anderer? Er selbst noch einmal? Doch, es könnte er selbst sein, nur älter geworden, grau, das Gesicht nicht so rosig, eine Spur eingefallener als das seines kindlichen Gegenübers. Nie, so begreift der Junge jetzt, wird er diesen Platz hinter der Tafel verlassen; er und sein älteres Alter Ego repräsentieren sein ganzes Leben im Gefängnis, ausgeschlossen von den anderen. Er, der er den Worten der Lehrerin nicht folgen konnte, der sich der Sprache verweigerte und das Lehrbild als Film träumte, kommt nicht wieder rein, er ist ein für allemal ein Gezeichneter.

Dann kommt die Sehnsucht. Eine ganze Weile sehen wir abwechselnd das Gesicht des Jungen und den Himmel durchs Fenster, weit und offen, das Bild grenzenloser Freiheit – wie in der Struwwelpeter-Geschichte vom Fliegenden Robert, in der auf dem letzten Bild Robert entschlossen den Bilderrahmen zu durchstoßen scheint, der in dieser Geschichte jedes einzelne Bild rahmt. Es ist das Bild eines Durchbruchs zur Freiheit, durch den sich nicht einfach ein Zustand ändert, sondern seine Systemgrundlagen verlassen werden. Und obwohl sich das Gesicht unseres Jungen stets gleichbleibt – es ist ja eine Puppe –, bilden wir uns ein, es verändere sich mit jedem Gegenschnitt, mit dem Bild der Befreiung, das wieder und wieder über es hinwegzieht.

Einen Moment lang ist der Bildschirm dunkel. Dann wieder das Fenster, diesmal vergittert. Wir sind in einem Gefängnis. Zwei Personen, aber die Szenerie hat sich verändert. Der Junge ist noch da, aber es scheint Zeit vergangen zu sein, Zeit, die ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hat. Einschnitten um die Augen finden sich dort, tiefe Narben, die die Farboberfläche durchdringen. Er ist älter geworden. Aber er ist auch ein anderer geworden – ein Zauberer nämlich, und er trägt das nachtblaue Kleid mit Sonne, Mond und Sterne, wie wir es als Kinder zu Fasching anzogen. Auf seinem Kopf der bekannte spitze Hut, der in den Himmel reicht und von dort die Zauberkraft bezieht – ja, das waren einmal die Eselsohren, das Zeichen der Bestrafung und der Depravierung, die nun zum Zeichen seiner Größe geworden sind.

Aber sein Gegenüber ist tot. Eine bleiche Leiche mit Totenschädel. Wer ist dieses Gegenüber? Ist es das bestrafte Kind, das er nun hinter sich lässt? Ist es der traurige, resignierte Erwachsene, der ihm hinter der Tafel gegenübersaß und jede Hoffnung, ja sogar die Sehnsucht verloren zu haben schien?

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Ein letztes Mal versucht der Zauberer, den Türknauf des Gefängnisses zu drehen, die Tür zu öffnen. Dann hebt er den Stab und verschwindet. Er verschwindet für uns, er lässt den Toten und das Gefängnis hinter sich und er verschwindet vielleicht sogar für sich selbst. Dem Jungen, der nicht anders konnte, als einen Film zu machen, ist endlich die Flucht gelungen – dorthin hoffentlich, wo das Leben ist und wo sich Filme drehen lassen, für die man nicht bestraft wird.

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Wolfram Ette

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