Corona 45: Videokonferenzen

Dass das neuerdings kursierende »Zoomification« sich auf deutsch wie Mumifizierung anhört, ist ein Zufall.

1

Frontal. – Irritierend an den Videokonferenzen: ich sehe alle Gesichter frontal. Mir wird bewusst, wie viele Schattierungen von Präsenz die Luft zulässt. Speziell in größerer Runde, so wie hier in einem Seminargespräch: ich blicke meine Gesprächspartnerin oder meinen Gesprächspartner an; daneben sehe ich verschwommen andere Gesichter, deren Bewegungen ich gleichwohl registriere. Jenseits ihrer sehe ich nichts. Aber ich höre etwas, das Rücken von Stühlen, das Waschen von Papier, das ganze Erscheinungsdrumherum, das es braucht, damit eine Situation lebendig wird und aus ihr etwas Gemeinsames entstehen kann.

2

Schweigen. – Das Schweigen ist schwer zu ertragen. Es ist ein anderes Schweigen als in einem Seminar-Raum, dieses lautlose Rauschen der Datenströme, das zu hören wir uns nur einbilden, von dem wir aber wissen, dass es vorhanden sein muss. Ein Schweigen sozusagen, dass nach Subtraktion eines substituierten Geräuschs entsteht. Jedenfalls voller Gedanken. Und auch ein öffentliches Schweigen, denn nichts von dem, was wir hier tun, kann so abgeschlossen sein wie ein Seminarraum. Ich rede nicht von den offenbar beträchtlichen Unterschieden in puncto Datensicherheit, die offenbar zwischen den verschiedenen Videokonferenzangeboten existieren. Ich rede vom Gefühl, in meiner Wohnung durchaus nicht allein zu sein; ich rede vom Murmeln der Server, über die unsere Daten laufen und in denen sie hängen bleiben, irgendwie, auf eine mystische, von keinem normalen Sterblichen mehr nachzuvollziehende Weise.

3

Schwinden der Aura. – Das beständig mitlaufende Bewusstsein, dass die anderen sich erst dann von mir als angesehen empfinden, wenn ich nicht sie, sondern die Kamera anschaue. Und: es gibt keine andere Möglichkeit als dass ich sie alle anschaue. Ich kann niemandem signalisieren: Du bist gemeint. Denn das Du, das ich durch meinen Blick ausdrücken kann, ist eine Abstraktion von allen zusammen, die sich im Auge da Kamera konzentriert. Das ist nicht neu. Aber ich begreife zum ersten Mal, wie ein Filmschauspieler sich fühlen mag, dessen Leistung, so Walter Benjamin, »durch die Apparatur vorgeführt wird«. Benjamin weiter: »Zum ersten Mal – und das ist das Werk des Films – kommt der Mensch in die Lage, zwar mit seiner gesamten lebendigen Person aber unter Verzicht auf die Aura wirken zu müssen. Denn die Aura ist an sein Hier und Jetzt gebunden.« Wie sieht es aber aus, wenn das Jetzt erhalten bleibt, es aber keinen gemeinsamen Ort mehr gibt? Ich tendiere dahin, dass nur sehr wenig von der Aura übrig bleibt, ein armseliger und fadenscheiniger Rest. So wäre festzustellen, dass die Aura, anders als Benjamin es formuliert hat, offenbar mehr an das Hier als an das Jetzt gebunden ist – zumindest in Zeichen einer Technologie, von der Benjamin nichts ahnte. Das Verhältnis ist asymmetrisch. Die Aura also als Phänomen, das nicht nur, aber vor allem an einem gemeinsamen Ort gebunden ist – an die gemeinsame Luft, die wir atmen und über die wir Gerüche, Geräusche und individualisierte Blicke, Gesten und die Stellung unserer Körper im Raum zueinander, aber auch Bakterien und Viren austauschen. Das Leben diesseits des Gedankens. Auch von ihm handelt ein Gespräch. Man merkt das nicht, bzw. erst dann, wenn es fehlt

4

Dekor. – Bevor man sich zu einer Videokonferenz begibt, guckt man nach hinten, schaut sich um, hinein in den eigenen Raum, dem man gleich, sobald die Schaltung beginnt, den Rücken zukehren wird. Man will sehen, was die anderen von diesem Raum sehen werden, den man selbst dann nicht mehr direkt wahrnehmen wird, sondern, darin identisch mit allen anderen, nur noch indirekt, eingerahmt durch das Kästchen, in dem das Bild der eigenen Person auf dem Schirm erscheint.
Man baut also an einem Bild. Setzt man sich vor eine weiße Wand, die Neutralität vermittelt? Oder vor die Bücherwand des eigenen Wissens? Oder vor die Blätterwand des Gartens? Verschiedene Bühnen sind möglich. Nicht unendlich viele, doch Auswahl besteht. Jeder sitzt in seinem Raum, seinem Dekor, und so wird der Bildschirm zu einem Nebeneinander von Stillleben, die zwar als bloße Hintergründe konzipiert sind, jedoch weit größere Bedeutung haben, als die Beiläufigkeit, mit der sie gesetzt wurden. Die Beiläufigkeit ist nur Schein. In Wirklichkeit sieht man die anderen, frontal, in einer direkten Zuwendung des Gesichts an alle. Aber man betrachtet auch, ohne dass dies Thema würde, was hinter den Personen ist, hat plötzlich Lust, über den Rahmen hinausblicken zu dürfen: Die neugierige Frage drängt sich vor, wie Wohnung oder Garten wohl insgesamt aussehen mögen? Wie lebt der andere? Wie wohnt er? Man träumt sich in die fremden Räume hinein, in ihre Beziehung zu den Personen, die sie sich bewohnbar gemacht haben. Das Woanders der Anderen entfaltet einen Sog, der neu und aufregend ist.
Doch dann fällt der Blick wieder auf sich selbst, den eigenen, kleinen Kasten, und man weiß, erfasst von neuer Nüchternheit: Dass die Kamera einer Festeinstellung folgt und der Hintergrund Hintergrund bleibt, ist im eigenen Interesse, denn man mag zwar diesen einen Ausschnitt zeigen, nicht aber all das, was in Wirklichkeit so gar nicht dekormäßig, dekorgemäß ist: die Unordnung, die gleich neben dem Ausschnitt zu wuchern beginnt, die Wäschehaufen schon seit Tagen, das herumliegende Kinderspielzeug.

1-3: Wolfram Ette; 4: Anne Peiter


Anmerkung

Kaum zu glauben, aber in demselben Jahr – 1936 –, in dem Walter Benjamin an der französischen Übersetzung seines berühmten Aufsatzes über über ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ saß (ihm sind die oben stehenden die Zitate entnommen), wurde in Deutschland der Fernsehsprechdienst für den Publikumsverkehr freigeschaltet.

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