Corona 48: Leben und Tod III

1

… das Leben retten, wo es möglich ist. Aber ich bin auch der Überzeugung, dass die Vergegenwärtigung des Todes ins Leben zu einem Leben in Würde und Glück dazugehört. »Jeder Tag geht zum Tode, der letzte kommt an« – seitdem ich diesen Satz von Montaigne in meinem Studium gehört habe, hat er mich nicht mehr verlassen. Ein Tag ist nur dann der Tag eines ganzen Lebens, wenn man sich dessen bewusst ist. All das Glück, das wir genießen, aller Rausch, den wir schmecken, sie erhalten letzte Süße durch das Bewusstsein, dass es irgendwann vorbei ist mit alledem.

2

Es ist der Moment der Reife, des Knapp-über-den-Berg-seins, von dem Brecht in seinem schönsten Liebesgedicht spricht, in der ›Entdeckung an einer jungen Frau‹:

»Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehen.
Da sah ich: eine Strähn in ihrem Haar war grau
Ich konnte mich nicht entschließen mehr zu gehn.

Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
Nicht gehen wolle, denn so war’s gedacht
Sah ich sie unumwunden an und sagte:

Ist’s nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
Doch nutze deine Zeit; das ist das Schlimme
Dass du so zwischen Tür und Angel stehst.

Und lass uns die Gespräche rascher treiben
Denn wir vergaßen ganz, dass du vergehst.
Und es verschlug Begierde mir die Stimme«

– ach, die Begierde, die an den einzigen Moment sich hängt, den man in dem Bewusstsein, dass er in seiner Art (bitte auch für das alternde lyrische Ich!) der letzte ist, gemeinsam feiern will und muss,

– der Moment, in dem Aufstieg und Verfall berückend und unvermerkt ineinandergreifen, was der hellsichtige Thomas Buddenbrook notiert:

»Ich weiß, dass oft die äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glücks und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder abwärts geht. Die äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am hellsten strahlt …«

– der Moment der überreifen Frucht, die matschig im Mund vergeht und einen Stich des höchsten Augenblicks durch uns schickt, der der höchste nur deswegen sein kann, weil er nicht verweilt. Rilke, aus den ›Sonetten an Orpheus‹:

»Voller Apfel, Birne und Banane,
Stachelbeere . . . Alles dieses spricht
Tod und Leben in den Mund . . . Ich ahne . . .
Lest es einem Kind vom Angesicht,

wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit.
Wird euch langsam namenlos im Munde?«

– der Moment, den eben Orpheus, der am Verlust der Freundin zu Grunde ging, ins »Rühmen«, so Rilke, des unwiederbringlichen Diesseits-Augenblicks übersetzt. Sein Irrtum: zu denken, er könnte die Verlorene wieder gewinnen. Das war zu lernen: dass der Raum hinter ihm, als er den Totenreich entstieg und sich der Pforte nahte, die es vom Leben trennt, von nichts als einem schwachen Schatten erfüllt war, einer durchscheinenden Einbildung, die mit jedem Schritt schwand, den er tat. In dem Moment, in dem er sich umsah, war sie schon lange nicht mehr zu sehen. Nie war’s anders gedacht. Die Toten werden nicht lebendig. Er lernte, was er wusste. Nur ihren Tod nahm er mit und ihm entstiegen die Gesänge.

Es ist der Moment, wenn der Raps in Blüte steht, riesig gelb bis zum Horizont. An einem dieser Tage, die sich ganz aus Gelb, Blau und Grün in unwirklicher Reinheit zusammensetzten, hat meine Schwester das Messer genommen am Rand eines Rapsfeldes. Ihr Rot war es, das in die Erde sank und Dinge verband, das Gelb, das Blau, das Grün. Wir standen nur Zentimeter voneinander entfernt, sie auf der einen, ich auf der anderen Seite, und manchmal an Tagen ist es so, berührten wir uns einen Moment lang und glitten aneinander vorbei –

– der Moment des Abschieds, des wehmütig verlorenen cis in Beethovens letzter Klaviersonate –

op111,cis

 

 

 

 

– dem Thomas Mann eine Beschreibung gewidmet hat, die mehr ist als nur Beschreibung, sondern Kunst- und Lebenslehre der Schönheit im Abschied –

» … und ein Augenblick kommt, eine extremste Situation, wo das arme Motiv einsam und verlassen über einem schwindelnd klaffenden Abgrund zu schweben scheint, – ein Vorgang bleicher Erhabenheit, dem alsbald ein ängstlich Sich-klein-Machen, ein banges Erschrecken auf dem Fuße folgt, darüber gleichsam, dass so etwas geschehen konnte. Aber noch viel geschieht, bevor es zu Ende geht. Wenn es aber zu Ende geht und indem es zu Ende geht, begibt sich etwas noch soviel Ingrimm, Persistenz, Versessenheit und Verstiegenheit in seiner Milde und Güte völlig Unerwartetes und Ergreifendes. Mit dem viel erfahrenen Motiv, das Abschied nimmt und dabei selbst ganz und gar Abschied, zu einem Ruf und Winken des Abschieds wird, mit diesem d-g-g geht eine leichte Veränderung vor, es erfährt eine kleine melodische Erweiterung. Nach einem an lautenden c nimmt es vor dem d ein cis auf, so dass es nun nicht mehr »Himmelsblau« oder »Wiesengrund«, sondern »O – du Himmelsblau« oder, »Grüner Wiesengrund«, »Lebt – mir ewig wohl – skandiert; und dieses hinzukommende cis ist die rührendste, tröstliche, wehmütig versöhnlich Handlung von der Welt. Es ist wie ein schmerzlich liebevolles Streichen über das Haar, über die Wange, ein stiller tiefer Blick ins Auge zum letzten Mal. Es segnet das Objekt, die furchtbar umgetriebene Formung mit überwältigender Vermenschlichung, legt sie den Hörer zum Abschied, zum ewigen Abschied so sanft ans Herz, dass ihm die Augen übergehen. »Nun ver-giss der Qual !« heißt es. »Groß war – Gott in uns.« »Alles – war nur Traum.« »Bleibt mir – hold gesinnt.« Dann bricht es ab. Schnelle harte Triolen eine zu einer beliebigen Schlusswendung, mit der auch manch anderes Stück sich endigen könnte.«

Etwas davon hängt gerade in der Luft. Manchmal tritt was zusammen. Das Himmelsblau, der Wiesengrund, Raps, Eurydike und eine überreife Südseefrucht. Der von fern kommende, den Augenblick dehnende Ton. Die Anemonen Innen, damals. Ein Mehr an Tod und ein Mehr an Leben.

Wolfram Ette

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