Corona 50: Über das Atmen

Auf Fahrradtouren: das untypische Bedürfnis, an die Erschöpfungsgrenze zu gehen. Der Hintergrund, ich will außer Atem kommen, nach Luft schnappen, tief ein- und ausatmen. Die Angst vor dem Erstickungstod ist in mich eingewandert. Corona trifft unser Lebenszentrum an einer entscheidenden Stelle. (W.E.)

»Ich glaube, ich habe Angst vor der Enge. So unstatthaft ist es wohl nicht, Sterben gleichzusetzen mit der Verengung meines Lebens. Der Körper redet drein in gleichem Sinne. Vom Leben verlassen werden, den letzten Atemzug tun, ›verseufzen‹, wie es von mir sehr teurer Seite genannt wurde, verstehe ich als Ersticken, ob vielleicht auch die medizinische Wissenschaft diesen Begriff als klinisch unpräzise abweise. Mit dem Atmen aber, das mir dann versagt sein wird, kenne ich mich aus, so gut wie jedermann. Ich habe Atemnot gehabt wie irgendwer: da wurde mir klar, dass der Wunsch nach Freiheit rückführbar ist auf das drangvolle Verlangen nach Atemfreiheit. Im Sterben aber wird die Menge Oxygen, die ich so durchaus für mich will, mir nicht mehr gewährt sein. Mit der verwehrten Atemfreiheit werden alle Freiheiten sich mir entziehen. Mit Bangen um Luft muss ich weitermachen, das ist die Niedertracht, mit einer Furcht, die … ich mit grosser Wahrscheinlichkeit immer genauer werde kennenlernen.« (Jean Améry)

Amérys Gedanke, die Angst vor dem Tode sei letztlich die Angst vor dem Ersticken und auch der letzte Atemzug bringe keinen Frieden, weil Frieden eben immer nur in der Gewissheit und Möglichkeit des Weiteratmens existiere, gewinnt seine Schärfe durch die Tatsache, dass es die Gaskammern gegeben hat. Da wurde Wirklichkeit, was auch dem Häftling Améry zugedacht gewesen war: dass jemand, der Gift einatmet, nur noch tiefer einzuatmen versucht, weil Atmen eben das Allerursprünglichste und Wichtigste im Leben ist. Aber mit dem Tiefer-einatmen-Wollen holten sich die Opfer nur noch mehr Tod in die Lunge, und so wurde das Ersticken, industriell bewirkt, zu einer millionenfachen Qual.

Ruth Klüger, die Auschwitz als Kind überlebte, schreibt, dass sie lange Jahrzehnte nicht wahrhaben wollte, dass ihr Vater gerade diesen Tod gestorben war. Sie erfand ihm andere, »bessere« Tode und musste doch irgendwann zugeben, dass auch er den Weg in die Gaskammern gegangen war. Die Not der Erstickenden, so wissen wir durch das Zeugnis derer, die diesem Sterben beiwohnten, war so groß, dass die Stärkeren – die Erwachsenen – auf die Schwächsten zu treten begannen, um dahin zu gelangen, wo es noch ein wenig Sauerstoff gab, nämlich: nach oben. Klüger fragt sich, ob auch ihr Vater unter diesen Menschen gewesen sei. Darin steckt die implizite Frage: Hätte der Vater auch auf sie getreten, auf sie, das Kind, wenn man sie, zusammen mit ihm, in die Gaskammer gebracht hätte?

Ich glaube, dass dieser Tod durch Ersticken, der vom Menschen ganz ungewollte, da durch den Virus bewirkte, jetzt so wenig und niemals konkret in Erscheinung tritt, weil hier Selbstverständlichkeiten unseres Alltags zu kippen drohen. Atmen, das ist die Regel, die Grundlage unseres Wohlbefindens und Lebens. Im Gaskrieg des Ersten Weltkriegs wie durch terroristische Giftgasangriffe, durch Genozid oder Folter, die so leicht herzustellen ist, wenn man den Kopf eines Menschen in einen mit Wasser gefüllten Eimer drückt, ist dieser Tod aber immer wieder künstlich hergestellt worden.

Vielleicht wollen wir darum heute so wenig davon wissen. Denn es käme etwas von diesem absoluten Schrecken wieder zurück. Wollen wir uns nicht vorstellen, was den heutigen Patienten geschieht, weil es auf gleich mehrfache Weise Angst auslösend ist? Als Krankheit, die uns selbst betreffen könnte? Aber auch als das Wissen, dass Menschen einen solchen Tod bewusst über andere Menschen haben verhängen können? Medizinische Realitäten auf der einen, historische Realitäten auf der anderen Seite?

Es wäre heute wichtig, sich klarzumachen, was es heißt, zu ersticken und was jedem einzelnen Patienten bei diesem Tod geschieht. Denn dieses Wissen müsste das Maß der heutigen Politik sein. Dass Menschen aufgrund des Virus ersticken, ist etwas, zu dessen Verhinderung alles Menschenmögliche unternommen werden muss. Es gibt nichts Wichtigeres als das: atmen, den Atem des anderen schützen und damit sein Leben.

Anne Peiter

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