Corona 52: Komisches Gefühl

Das Gefühl, das sich jetzt langsam breitmacht, lässt sich schwer in Worte fassen. Es ist die Rede von einer kontrollierten Rückkehr zur Normalität. Aber nichts fühlt sich normal an. Und nichts könnte sich in Zukunft wieder normal anfühlen. Wir haben mitbekommen, wie tief der Staat in unser Privatleben eingreift, wenn es nötig ist. Oder auch dann, wenn er es für nötig hält und es vielleicht nicht so nötig ist. Oder auch dann, wenn es noch viel nötiger ist. Wir wissen nun, was es bedeutet, in einer Krise zu leben, und ob sich dieser Eindruck jemals wieder verlieren wird, ist die Frage. Sie sitzt eh unter der Oberfläche. Und das schon seit Jahren. Wir haben erlebt, wie rasch und geräuschlos die Parlamente entmachtet worden, und auch, wenn wir uns in dieser Situation damit einverstanden erklären, können wir nicht ausschließen, dass sich Routinen etablieren, die sich missbrauchen lassen. Wir haben erfahren, wie fragil diese Sache ist, die wir Wirklichkeit nennen und wie wenig das, was sie aus eigener Anschauung wissen, daran Anteil hat: das meiste davon entfällt auf vermittelte Informationen, denen wir vertrauen müssen, wenn wir nicht verrückt werden wollen. Woher kommt Vertrauen? Wir erleben, wie schmal die Grenze ist, die das Vernünftige vom Verrückten trennt, und dass wir häufig nicht wissen, wer wo steht – obwohl dieses Wissen jetzt so schön wäre. Wir bekommen mit, wie Linke und Rechte (aber wie moderig sich diese Worte in unserem Mund anfühlen!) gemeinsam für demokratische Grundrechte demonstrieren; dass sie dabei auf die üblichen Abgrenzungsrituale verzichten und wir vermuten, dass das trotzdem irgendwie nicht gut ist. Wir haben mit allen und keinem Mitleid: mit dem Berliner Barbesitzer, der noch genau drei Wochen bis zum ökonomischen Exitus hat; mit den alten Menschen, die vor der Klinik und den Beatmungsmaschinen geschützt werden müssen; mit Insolvenzselbstmördern, durchdrehenden Familien aller Einkommensklassen, Ärztinnen und Pflegern, Künstlerinnen und Politikern, Lehrerinnen und sogar Piloten. Wir versuchen, die Widersprüche stehen zu lassen, anzuerkennen, dass man aus ihnen heraus nicht immer richtig entscheiden kann. Gut und böse helfen nicht weiter, was nicht heißen soll, dass es alle gut meinen. Es ist einfach ein heilloses Durcheinander. Und was die Sache noch merkwürdiger macht, ist, dass wir das alles in dieser eigentümlich wattierten Verfassung erleben: Wohnungsisolation, Kontaktbeschränkungen, Sozialverzicht. Das Realste, was wir haben, sind die Widersprüche; sie fühlen sich bloß gar nicht real an.

Wolfram Ette

Ein Gedanke zu „Corona 52: Komisches Gefühl“

  1. Mir ist eine wachsende Sensitivität für die Wahrnehmung menschlicher, gesellschaftlicher, individualpsychologischer Schieflagen durchaus willkommen. Auch wenn oder gerade weil sie verunsichert (viel zu sicher fühlt sich der Mensch). Die Formulierung des „dünnen Eises“ – die aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommt – finde ich durchaus treffsicher. Ist doch so! Und Corona ist der Lackmustest, das Nachtsichtgerät: jetzt sehen wir mehr. Die Corona-Krise ist ein Analogon zur X-Krise. Für die Wahrnehmung von X bedarf es unterschiedlicher Sichtweisen eines geschärften Blickes auf das (Krisen-)Phänomen, einer Krankheitseinsicht, eines kollektiven Schmerzempfindens – und somit eines Gespürs von einem Problem, das über Corona hinausweist, aber durch Corona erkennbarer: sichtbar wird.
    Ein Problembewusstsein: das ist es doch, was fehlt! Dein „komisches Gefühl“ ist also ein Indikator von X und kann somit als Werkzeug dienen – für eine Bewältigung der Lebenslagen auf diesem Planeten, eines Mit- und Gegeneinanders, für den Umgang damit, was unser KAPITAL genannt wird.
    Lösungen (wohlgemerkt: vorübergehende) stecken im Problem, ohne Problem sind sie nicht zu haben – sie setzen die Krise voraus.
    Ja, fühlt sich komisch an 😉

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