Corona 55: ‚Großkatzen und andere Raubtiere‘. Eine Erinnerung

2. April 2020, Süddeutsche Zeitung: „Es gilt als höchst unwahrscheinlich, dass Menschen sich bei ihren Haustieren mit dem Virus infizieren können. Und umgekehrt? Während Hunde als gar nicht erst anfällig für die Krankheit gelten, sieht es bei Katzen anders aus.“

6. April 2020, Süddeutsche Zeitung: „Ein Tiger in einem New Yorker Zoo hat sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Neben dem vier Jahre alten Weibchen namens „Nadia“ hätten auch drei weitere Tiger und drei Löwen Krankheitssymptome, teilte der Bronx Zoo mit. Soweit bekannt, ist Nadia das erste Tier, das in den USA positiv auf das Virus getestet worden ist – und der erste Tiger weltweit. Angesteckt haben dürften sich die Wildkatzen laut Zoo bei einem infizierten Tierpfleger, der allerdings keine Symptome einer Infektion mit Sars-CoV-2 zeigte. (…) Allen Tieren gehe es gut und man rechne mit einer Genesung. (…) In den vergangenen Monaten hatte es einige wenige Fälle gegeben, bei denen sich Tiere offenbar nach Kontakt mit infizierten Menschen angesteckt hatten. Unter anderem wurde im Februar ein Hund in Hongkong positiv getestet. Die dortigen Gesundheitsbehörden kamen aber zu dem Schluss, dass Haushunde und Katzen das Virus nicht wieder auf den Menschen übertragen könnten. Auch die Tierärztin Jane Rooney vom US-Landwirtschaftsministerium schloss sich mit Blick auf den Tiger dieser Einschätzung an. Das Coronavirus breitet sich nach bisherigen Erkenntnissen über Ansteckung von Mensch zu Mensch aus. Forscher versuchen aber gleichzeitig auch nachzuvollziehen, welche Tierspezies besonders anfällig sind für das Virus, das ursprünglich auch vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein dürfte. Im Zoo in der Bronx wurde nur „Nadia“ getestet, weil für einen solchen Test eine Narkose nötig ist. Das Tiger-Weibchen habe keine erhöhte Temperatur gehabt, aber Nadia und die übrigen betroffenen Wildkatzen hätten unter trockenem Husten und teils unter Atembeschwerden und Appetitlosigkeit gelitten, sagte Tierarzt Calle.“

In einem Zoo in New York ist ein Tiger positiv getestet worden. Er leidet – wie die Löwen von nebenan – unter trockenem Husten. Die Durchsetzung der Ausgangssperre wird voraussichtlich kein größeres Problem darstellen. Der Tiger- und Löwen-Wächter ist zwar krank, sitzt daher selbst in seinem Käfig und wird über die Einhaltung der Ausgangssperre seiner Mitpatienten schwerlich wachen können. Doch es wird sich schon Ersatz für ihn finden. Der Zoo nämlich liegt in der Bronx, und da gibt es genug Arbeitslose, die sich darum reißen, sogar Arbeiten zu verrichten, bei denen das Risiko darin besteht, sich zerreißen oder anstecken zu lassen.

Aber eine Ansteckungsgefahr bestehe nicht einmal, versichern Wissenschaftler und Zoo, und dies sagen sie offenbar nicht nur, um für den kranken Wächter leichter einen Ersatzmann zu finden. Der Wächter – der erste, jetzt kranke –, der Löwen und Tiger zu bewachen hatte, hatte zwar nachweislich Löwen und Tiger angesteckt, Löwen und Tiger aber haben, obwohl sie ihn (oder jetzt seinen Ersatzmann) zerreißen könnten, wenn er (oder sein Ersatzmann) nicht aufpassen, wirklich und wahrhaftig keine Möglichkeit, umgekehrt ihn (oder den Ersatzmann) anzustecken. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen, und durchaus nicht nur arbeitspolitisch. Rache dafür, angesteckt worden zu sein, ist überdies von der Tierwelt nicht zu erwarten.

Zu fürchten hat mehr als Löwen und Tiger die schlichte Hauskatze, die der Mensch nicht einfach wie die Tiger und Löwen in einen Käfig sperrt: Sie unterliegt einem Ansteckungsrisiko, wenn sie mit einem kranken Menschen zusammen zu leben das Unglück hat. Ihr zusätzliches Risiko besteht darin, dass die erste angesteckte Katze – eine belgische – zwar noch das Glück hatte, es aufgrund ihrer Erstmaligkeit in Presse und Medien zu schaffen, dass aber alle anderen Hauskatzen, die ebenfalls noch von einem trockenen Husten befallen werden mögen, trotz dieses Hustens nur schlichte Hauskatzen bleiben und sie daher, anders als Tiger und Löwen aus der Bronx, nicht mehr eine mitteilenswerte Nachricht verkörpern. Denn Tiger und Löwen sind etwas Seltenes, schlichte Hauskatzen hingegen gibt es zuhauf.

Dennoch legen Presse und Medien Wert auf die Übertragbarkeit des einen Falls auf den anderen. Denn Menschen leben gemeinhin mit schlichten Hauskatzen unter einem Dach, nicht aber mit Löwen und Tigern. Insofern spiegelt sich in der wilden Welt der letzteren die Möglichkeit einer Übertragung auf’s Zivile. Da, wo die Katzen, da zivilisiert, frei herumlaufen dürfen, unterliegen sie plötzlich dem gleichen Risiko wie die Raubkatzen, die, da unzivilisiert, hinter Gittern zu halten sind. Beide sind mit Menschen im Kontakt, und mitunter eben auch mit kranken. Das Schicksal von Tiger und Löwe nimmt vorweg, was den zivilisierten Katzen im großen Maßstab zu passieren droht: Sie kommen (oder bleiben) hinter Gitter, wenn auch sie krank werden, zusammen mit, oder, im Gegenteil: getrennt von ihren hustenden Besitzern. Oder die Hauskatzen beginnen zu husten, husten aber weiterhin, wo sie wollen – dann werden bald auch die Katzen in den Gärten der Nachbarn zu husten beginnen, und das gleich zuhauf. Die Ansteckung von Mensch zu Tier ist nachweislich möglich, und die von Katze und Katze – eben weil sie zur Kategorie der Katzen gehören – auch.

Vielleicht wird es aber für die Hauskatzen sogar noch dramatischer werden. Denn wenn sich doch herausstellen sollte, dass das Unmögliche möglich ist, die Wissenschaftler sich getäuscht haben und Übertragungswege auch wieder zurück von der Katze zum Menschen führen, wäre die Tötung von hustenden Tigern und Löwen aufgrund ihrer Seltenheit zoo- und finanzpolitisch kaum durchsetzbar, die von schlichten Hauskatzen in ihrer Promiskuität und schmeichelnden Anpassung ans Menschengeschlecht hingegen das Gebot der Stunde.

Aber auch das ist nicht sicher. Denn der Umstand, dass Hauskatzen keine Tiger und Löwen sind, vermag im Fall der Fälle – dem unmöglichen also – vielleicht doch zu ihren Gunsten auszuschlagen: Ihre Besitzer würden argumentieren, dass es sich um ganz zivilisierte Kranke handelt, die eine massive Ausgrenzung oder Tod nicht verdienten. Was umgekehrt dann wiederum ein neues Licht auf die Raubkatzen werfen würde, die zwar Opfer einer Ansteckung geworden sind, obwohl sie die Ausgangssperre kein einziges Mal missachtet haben und mithin ganz unschuldig sind, andererseits aber hinter Gittern gehalten werden, weil sie sich sonst frei zu bewegen wünschten. Der bloße Wunsch, die gegebenen Realitäten – also den Käfig – gegen die Freiheit einzutauschen, lässt sie suspekt werden und also als potentielles Sicherheitsrisiko erscheinen. Nicht etwa wegen des Hustens. Sondern wegen des unzivilisierten Freiheitsdrangs.

Darin liegt dann eine letzte Übertragbarkeit beschlossen, die jetzt – in deutlicher Widerlegung aller bisherigen wissenschaftlichen Annahmen – von der Raubkatze zum Menschen führt. Denn auch der Mensch, der, wie eh und je eingeschlossen in seinen realen Bedingungen, plötzlich zu wünschen beginnt, es möge anders sein, droht, als Raubkatze qualifiziert und zurück in seine Schranken gewiesen zu werden. Selbst das Argument, er sei doch aber, wie die Wächter über Ruhe und Ordnung behaupteten, kein zivilisierter Mensch, sondern – qua Forderung nach Freiheit – ein Raubtier, würde nicht anschlagen. Denn die Wächter würden nur hören, dass der Betreffende zugegeben hat, ein Raubtier zu sein. Unterschlagen würde das, was aus dieser seiner Eigenschaft notwendig folgt, nämlich: dass Raubkatzen zwar vom Husten angesteckt werden können, nach erfolgter Ansteckung jedoch ihre Krankheit (selbst wenn sie’s wollten) nicht an zivilisierte Menschen weitergeben können.

Die Wächter über Ruhe und Ordnung haben aber, wie gesagt, die Eigenschaft, immer nur das zu wahrzunehmen, was in ihr Konzept (also ins Käfigformat) passt, denn sonst wären sie keine Wächter. Das bedeutet, dass sie noch der wissenschaftlich erwiesenen Eingleisigkeit der Ansteckungswege die Tatsache entgegenhalten würden, dass sogar die brave Hauskatze zu husten begonnen habe. Und da Hauskatzen eben das Sinnbild eines Lebens in Ruhe und Ordnung abgeben, wie es vom Menschen zu wünschen ist, werden sie zu recht als Teil dieser Menschenwelt betrachtet, eben als Haus-Katze. Es würde sich also die Frage stellen, warum die Hauskatze überhaupt zu husten begonnen hat, d.h. wer schuld an dieser Ansteckung ist.

Und hier kommen nun die Tiger wieder ins Spiel. Es ist, wie oben erörtert, wissenschaftlich nachgewiesen, dass Katzen einander mit dem Husten anstecken können. Daraus folgt, dass es theoretisch möglich ist, dass die Hauskatze in ihrem ganzen innigen Mensch-Sein sehr wohl die Tiger angesteckt hat, die gar keine echten Tiger sind, sich aber, nur noch wenig menschlich, auf ihr Recht auf Freiheit berufen und als Menschen (oder Menschentiger) draußen frei herumzulaufen begehren. Wenn dieser Übertragungsweg nachgewiesen werden könnte, würde daraus die Schlussfolgerung zu ziehen sein, dass eine Übertragung der Krankheit – nämlich Freiheit – der Hauskatze auf den anderen, jetzt gar zu freien und sich befreienden Menschen stattgefunden hat, und dies, obwohl Wissenschaft und Zoo bisher steif und fest behaupteten, die Ansteckungswege verliefen nur vom Menschen zum Menschen, von Katze zur Katze, oder, seltener, auch mal vom Menschen zur Katze. Hier aber wäre der Fall gegeben, dass eine Katze einen Menschen angesteckt hat, der Raubtierallüren zu entwickeln beginnt und seinen Käfig verlässt, in der er es seiner Meinung nach viel zu lange ausgehalten hat.

Zugegeben: Es ist kompliziert. Übertragungswege sind nun einmal verschlungen. Noch einmal also, zwecks besserer Durchsicht: Sobald sich die Katze als Hauskatze angesteckt hat – über den Menschen in all seiner Häuslichkeit – und aufgrund ihrer Freiheit ihrerseits mit den potentiellen Tigern unter den Menschen in Kontakt tritt, droht sie, die Tiger anzustecken, und zwar keineswegs nur mit ihrem Husten, sondern auch mit der Freiheit, die sie (die gehätschelt und gepflegt wird wie ihre Besitzer) täglich nutzt. Sollten aber die Freiheiten der privilegierten (nämlich häuslich-ordentlichen) Katzen sich wirklich mitsamt dem Husten auf die Tiger-Menschen übertragen, könnte sich herausstellen, dass die Freiheiten, die sich letztere nehmen, mit den Freiheiten, an die die Hauskatzen gewöhnt ist, nur wenig gemein haben. Menschen sind, wenn sie frei durch die Welt tigern, ein furchterregendes Schauspiel für jede Hauskatze. Keine Hauskatze würden sich dann noch aus dem Haus wagen. Keine würde zugeben wollen, hier als Ansteckungsfaktor gewirkt zu haben.

Erst wenn der Wächter aus der Bronx wieder gesund und seines Hustens ledig sein wird und, unter Anwendung all seiner wächterischen Erfahrung, die Herumtigernden wieder hinter Schloss und Gitter gebracht haben wird, wird ein Aufatmen durch die Welt des Häuslichen und das Lob der Ausgangssperre eine Oktave höher als bisher gesungen werden, dem wachsamen Staat zum Dank.

Womit letztlich doch erwiesen ist, dass sich auch hier die Wissenschaftler täuschen: Auch die Behauptung, dass Katzen Katzen anstecken können, ist in ihrer anfänglichen Einfachheit nicht länger zu halten. Keine Hauskatze würde sich durch den Freiheitswunsch, der in den Gliedern der Raubkatzen steckt, anstecken lassen. Sie ist schlicht immun gegen ihn. Umgekehrt aber machen die echten oder selbsternannten Raubkatzen aus der Ansteckung, was sie wollen, nämlich eine Freiheit, die als Voraussetzung ihrer selbst zur Totalität neigt.

Resümierend ist also der Forschung das folgende Ergebnis mitzuteilen: Katzen können Menschen anstecken, und Hauskatzen Hauskatzen. Eine Ansteckung der Hauskatzen durch Raubkatzen ist hingegen weitgehend ausgeschlossen. Wodurch noch einmal schlagend bewiesen ist, dass auch Menschen Menschen nur unter bestimmten Bedingungen anzustecken vermögen, nämlich dann, wenn der Infizierte zur Kategorie der häuslichen Menschen gehört hat und sein Nebenmensch auch. Sobald aber der eine Mensch zu den Tigermenschen gehört, droht den Hausmenschen zwar eine, wie zugegeben werden muss, eminente politische Gefahr.

Anne Peiter

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