Corona 56: Händewaschen / Logik der Ansteckung

Alexander Kluge, Triptychon Händewaschen

Mit freundlicher Genehmigung des Autors
© Alexander Kluge, Kairos Film


Unterhalb der sauberen Ordnung der Begriffe, die jedem Ding seinen Platz in der Ordnung des Seins zuweist, unterhalb der klassifikatorische Rationalität, die die Welt vor sich aufreiht wie eine Militärschwadron, gibt es eine zweite Art und Weise, in der die Dinge miteinander zusammenhängen. Es ist eine Logik der physischen Berührung, eine Logik der Ansteckung. Eine poetische Logik, eine Logik des Unbewussten und des Triebs. In den Künsten war sie seit je zuhause. Die freie Assoziation in der psychoanalytischen Therapie war ihre erste wissenschaftliche Bühne: ein ›Irrationales‹, das der Aufklärer Freud in die Vernunft integrieren wollte. Dann das Denken der französischen Postmoderne: es kreist um diese Logik. Deleuzes und Guattaris Wunschmaschinen, das Rhizom, die Jacques Derridas différance als Produktionsprinzip von Differenzen – es sind Formen des Zusammenhangs, die das identifizierende Denken, den begrifflichen Zusammenhang der Phänomene unterwandern und sich von ihm nicht oder nur sehr schwer beherrschen lassen.

Platons Verbannung der Kunst aus seinem Idealstaat hat den Grund, dass sich ihre Wirkung mimetisch und kontagiös verbreitet. Die Affekte, die vor allem durch die Tragödien aufgerührt werden, folgen einer anderen Logik der Weitergabe als Begriffe und Ideen. Aus der Sicht eines Philosophen, der einen rationalen, von oben kommandierten Staat zu entwerfen wünscht, stellt das eine gefährliche Gegenmacht dar.

Als Gegenmacht zur gesellschaftlichen Rationalität sind Epidemien bei Michael Foucault Schlüsselphänomene, an denen das zumeist Unsichtbare zutage tritt. Er nennt das episteme. Das ist die Basisformatierung, man könnte sagen, die Programmiersprache, durch die in bestimmten Epochen Welt geschrieben wird. An ihr lassen sich die Grundprinzipien ablesen, nach denen in einer Gesellschaft Herrschaft ausgeübt wird. Foucault unterscheidet Lepra, Pest und Pocken als drei Stationen solcher Herrschaft. Die Herrschafts-Worte, die sie aufrufen, lauten: Ausschluss, Disziplinierung und Messung. Die Leprakranken wurden ausgeschlossen, vor die Tore der Kommune verbannt; die Pestkranken wurden durch Einschluss diszipliniert; die an Pocken Erkrankten wurden auch isoliert, vor allem aber statistisch erfasst. In dem Prozess geht es nicht um ein Mehr oder Weniger von Kontrolle – das sind geschichtsphilosophische Wertungen, von denen sich der deskriptiv verfahrende Historiker frei halten möchte –, sondern um ihre Verschiebung, die Verlagerung ihres Interesses und ihrer Mittel.

Am Ziel der Kontrolle aber ändert sich nichts. Auch jetzt nicht. Es mag schon sein, dass die Politiker, wenn sie davon geredet haben, dass der Schutz des Menschenlebens an oberster Stelle steht, selbst daran geglaubt haben. Aber es stimmt nicht. Man mag es den Repräsentanten, die ja nicht nur Charaktermasken sind, abnehmen, aber sicher nicht einem Staat, der jeden Monat 250 Verkehrstote in Kauf nimmt und keinerlei Anstrengungen unternimmt, die Zahl von über 30.000 Menschen zu senken, die jedes Jahr in Deutschland an den Folgen der Luftverschmutzung sterben. Die Maßnahmen, die in den letzten Wochen getroffen wurden, hatten zum Ziel, eine Situation unter Kontrolle zur behalten, die außer Kontrolle zu geraten drohte. Inbegriff dieses Kontrollverlusts war die ›exponentielle‹ Kurve, die anzeigt, dass da was wild vor sich hin wächst und sich der Planung von oben entzieht.

Alexander Kluges Triptychon zum Händewaschen dreht den Spieß um. Umfassende Hygiene soll die Ansteckung, den so gefährlichen Kontakt zwischen Körper und Körper, das mimetische Wuchern zweiten Lebens unterhalb des von oben verordneten Lebens, verhindern. Das bekommen wir in den drei Teilfilmen zu sehen. Aber Kluge übertreibt es. Das Händewaschen, das auf dem Sockelfilm des Triptychons zu sehen ist, dauert um einiges zu lang. Die Bewegung der Hände verselbständigt sich, löst sich ab vom Gedanken der Hygiene, wird zu einem Tanz unter laufendem Wasser. Man verfolgt das Spiel der sich ineinander schiebenden, sich stumpf miteinander verwebenden Finger, der abknickenden Handgelenke. Es wird fremd und damit schön. Auf dem linken Teil des Triptychons sieht man Hände im UV-Licht. Gezeigt werden unterschiedliche Grade von Sauberkeit. Der Schmutz erscheint hell, das Saubere dunkel: auch dies eine Verfremdung, die unseren Sinn dem Schönen zukehrt. Männer in Schutzanzügen desinfizieren Flächen wie in einem SF-Film, sie kappen die Verbindungen, die Wege der Ansteckung. Die poetische Ansteckung, die von diesen Bildern ausgeht, können sie nicht hindern.

Wolfram Ette

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