Corona 201: Gedankenspiele zu Kunst und Kultur

Sicherer Ort

Fast flehentlich wendet sich der Bariton Christian Gerhaher ans Publikum, das ihm, durch die Radio-App verstreut in Raum und Zeit, aus der Ferne zuhört: Niemals hätten die Museen während der Pandemie zumachen dürfen; im Gegenteil, man hätte die Häuser um 6 Uhr morgens aufsperren und sie ist Mitternacht offen halten müssen. So viel Platz für alle! Die Museen hätten SICHERE ORTE sein können, an die man sich hätte flüchten können, umgeben von großer Kunst, die wohltut, die unterhält und belehrt. Ein utopisches Bild, trotz allem. Man stellt sich den Wecker, und während es langsam hell wird, begibt man sich ins städtische Kunstmuseum, 1–2 Stunden bevor der große Run einsetzt, wieder und wieder in die Betrachtung derselben Bilder verloren.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=905574


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Kultur als Reflexion

Noch einmal der Bariton Christian Gerhaher: Er zeigt sich terminologisch unsicher angesichts der Frage, welche Funktion Kunst und Kultur in der Gesellschaft den wahrzunehmen hätten: keine Unterhaltung, keine Freizeitaktivität, sondern „Teil des Innersten“ der Gesellschaft. Ich weiß, offen gestanden, noch nicht, was das sein soll. Teil des Innersten? Als das Innerste unserer Gesellschaft im engeren Sinne würde ich ja erst einmal das kapitalistische Verwertungsprinzip ansetzen, und ihm möchte ich jedenfalls bruchlos Kunst und Kultur nicht zuschlagen. Und ich finde es auch falsch, zu leugnen, dass Kunst etwas mit Unterhaltung zu tun hat. Natürlich hat sie das; und gleichgültig ob sie niederer oder eben der höhere „Jux“ sei, den Thomas Mann ihr zuschrieb: ein Jux ist sie auf eine gewisse Weise schon deswegen, weil sie weder Arbeit noch Religion ist und der letzte Ernst beider ihr fremd sein muss. Und „Freizeit“ – oh, ein fast noch schlimmeres Wort, aber faktisch doch nicht unzutreffend. Selbst für mich, zu dessen Beruf die Beschäftigung mit der Kunst dazugehört, hat es etwas Festliches, außer der Arbeit Fallendes, wenn ich ins Konzert, in einen Club oder zu eine Ausstellung gehe. Natürlich ist Freizeit ein zutiefst kapitalistischer Begriff; ideologisch zumal, weil sie gerade nicht die von der Verwertungslogik freie Zeit bezeichnet. Und doch lebt auch in ihr noch ein winziger Rest der Feierzeit und der großen kultischen Bekenntnisse weiter, in denen die Kollektiva sich sammelten und versammelten, um…

Nun, um was zu tun? Ich würde versuchsweise formulieren: um sich der Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenhangs reflektierend zu vergewissern. Etwas in dieser Art fehlt in den lobeswürdigen Ausführungen des Baritons, der sich mit guten Mitteln und Argumenten gegen die systematische Benachteiligung der Kultur in der Pandemie einsetzt. Kultur ist ein Reflexionsbegriff. Sie ist keine unmittelbare gesellschaftliche Praxis, sondern beginnt an dem Punkt, an dem diese Praxis reflexive Züge annimmt. Sie mag schon „Teil des Innersten“ sein, aber stets als Bild und Abbild, das immer auch entfernt und verfremdet, um die Verbindlichkeiten des jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhangs freizulegen. Als Praxis und Abbild kann sie verzaubern, verstören, auf schlichteste und komplexeste Weise unterhalten, hinreißen, belehren. Jede kulturelle Praxis tut das in anderer Weise und Zusammensetzung des Horazischen docere et delectare. Niemals aber wird das Moment des Lehrhaften ganz entfallen, weil es mit dem reflektiven Charakter aller Kunst und Kultur verschränkt und eigentlich eins ist. Selten genug liegt es am Tage, selten genug wird es bewusst aktualisiert. Aber das der Idee nach Zweckfreie der Kultur macht sie per se zum Bild und Abbild, und das heißt: zur Instanz der Reflexion der Gesellschaft über sich selbst.

Wenn das fehlt, wird die Gesellschaft blind für sich selbst, reflektorisch statt reflexiv. Sie marschiert immer weiter und weiter, hilflos reagierend von Schritt zu Schritt. Ohne das Zurücktreten von sich selbst, ohne Rückblick und Vorausschau und Rückblick, ohne Darstellung seiner selbst in analytischen oder der Analyse zugänglichen Verkörperungen, ohne den Stillstand, den sie ermöglichen, ohne Rausch und Kontemplation, die ihre Extreme darstellen, ohne das Nachdenken, das den schmalen Grat darstellt, auf den sie sich berühren, geht es mechanisch weiter in das gesellschaftliche Elend, das uns wahrscheinlich erwartet. Es sind nicht bloß die Fakten wie die globale Rezession, der weltweite Hunger, die massive Verarmung und die aus alledem sich bedingender ökologische Rücksichtslosigkeit, die zu erwarten stehen, und an denen sich das ablesen lässt. Es ist auch der Ausfall einer reflektierenden Instanz wie der Kultur, die in diesen Prozessen steckt und doch auf Abstand geht.

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Ja, freitesten

Der Weg zurück in die Normalität führt nicht über die Impfungen. Es ist sicher verfrüht, das Impf-Programm der Bundesregierung rundheraus für gescheitert zu erklären. Aber es läuft nicht gerade gut, und die Aussichten auf eine durchs Impfen hergestellte Herdenimmunität sind äußerst vage. Alle Zeitpläne werden über den Haufen geworfen, und es ist sehr die Frage, ob der Durchbruch impfresistenter Varianten dem Ganzen nicht sowieso einen Strich durch die Rechnung und die Impfkampagne zum Milliardengrab macht.

Nein, das Mittel der Wahl könnten Tests sein; also vor allem Schnelltests. Was wäre dagegen zu sagen, wenn Gaststätten und Kultureinrichtungen das tun, was Fluglinien und Altenpflegeeinrichtungen schon lange praktizieren: Rein kommt, wer einen frischen Negativtest vorweisen kann oder sich vor Ort einem unterzieht. Es wird nötig sein, das gut zu organisieren, um zu garantieren, dass man sich nicht mit fremden Tests den Zugang erschleicht. Es braucht Personal, das die Tests abnimmt und kontrolliert. Es wird auch etwas kosten; aber ich denke, viele werden sich das Vergnügen, auf das sie lange genug verzichtet (und damit viel Geld gespart) haben, was kosten lassen. Und der Preis für einen Test liegt jetzt bei etwa 10 Euro.

Vielleicht ist das falsch, vielleicht auch ungerecht. Aber was für eine faszinierende Vorstellung, wieder ganz normal in eine Theatervorstellung oder, horrible dictu, in einen Club zu gehen, in dem Bewusstsein, dass sie – mit hoher Wahrscheinlichkeit; ein Restrisiko ist nicht auszuschließen – coronafrei sind! Im Grunde wären noch nicht einmal Masken nötig. Ich würde das ganz gerne wieder einmal sehen. Es ist fast rauschhaft, sich auszumalen, wie das wäre, also nicht bloß, dass dergleichen überhaupt wieder stattfindet, sondern dass man sich ohne Angst und schlechtes Gewissen dort aufhalten könnte.

Aber kommt dies nicht nur den Privilegierten zugute? In gewisser Weise ja, aber auch vor Corona hat sich niemand groß darüber aufgeregt, dass sich nicht jeder den Besuch in bestimmten Restaurants leisten kann. Diese Unterschiede waren immer da; durch den Lockdown sind sie weniger sichtbar – weil alles weniger sichtbar ist –, aber keineswegs verschwunden. Und was die öffentlich subventionierte Kultur angeht, wäre ja auch denkbar, die Subventionen auch auf den Non-Covid-Zuschlag auszudehnen, damit es überhaupt mal wieder losgehen kann. Es mögen ja Privilegien sein, aber im Prinzip würde eine in vielen Bereichen selbstverständliche Praxis bloß verallgemeinert. Es würde behauptet und damit anerkannt, dass auch ein Restaurantbesuch einen Test wert ist.

In der Corona Politik wäre dies ein Paradigmawechsel von der Wahrscheinlichkeit zum exakten Wissen. Bisher ging es darum, durch Kontaktreduzierung, Maskenpflicht und Hygieneregeln die Infektionswahrscheinlichkeit zu senken. In meinem Gedankenspiel würde definitiv unterschieden zwischen Infizierten oder Nichtinfizierten. Jene würden für die Dauer ihrer Ansteckung, wie es bei Epidemien immer üblich war, vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen; diese können daran teilnehmen, wenn sie ihr Nichtinfiziertsein beweisen.

Ich schreibe diesen Vorschlag mit schlechtem Gewissen nieder. Denn er ist ja wirklich sehr pragmatisch. Als Jens Spahn mit dem Versprechen angab, ab dem 1. März stünden für die gesamte Bevölkerung dieses Landes Selbst-Tests zur Verfügung, dachte ich zunächst, die Politik sei nun endgültig in den Zustand des Wahns übergetreten, in dem Endsiegversprechen gemacht werden, während alles verloren geht. Aber nach einigen Tagen hat er mir, ob gewollt oder ungewollt, die coronamüden Augen für eine neue Strategie geöffnet. An der Sache könnte etwas sein, trotz Jens Spahn.

Wolfram Ette

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