Corona 210: In Therapie oder Das Sofa

Während wir so in unserem selbstgewählten Quasi-Lockdown saßen, unzufrieden mit dem fehlenden Interesse einstiger Freunde, über die Pandemie auf sehr grundsätzliche und irgendwie zukunftsweisende Weise zu sprechen, ungeduldig auch, weil so vieles „normal“ blieb, empfanden wir anfänglich (doch nur wir, die Erwachsenen, nicht die Kinder) eine Form von Erleichterung. Kontakte, die vielleicht schon länger zum reinen Geplätscher geworden waren, schienen in den großen Wellen der Ansteckungen untergegangen zu sein, und zwar zu recht. Das Oberflächengekräusel des small talks hatte mit großer Plötzlichkeit einer großen Windstille Platz gemacht.

Mit der Zeit aber wurde das fast erschreckend. Einerseits merkten wir, dass es eben doch nicht so einfach ist, einzig unter sich zu sein, keine Freunde mehr zum Essen einzuladen und sich auch nicht einladen zu lassen. Das war der erste Schrecken. Der zweite aber war weit schlimmer. Wir merkten nämlich auch, wie wenig uns in Wirklichkeit bestimmte Menschen fehlten, und das war eine Erkenntnis, die aus der Krise der Gegenwart sofort auch rückwirkend eine Krise der Vergangenheit machte (was hatte man eigentlich so gemacht, geredet, empfunden, als noch alles „normal“ war?). Und da nun einmal alle drei Zeiten miteinander verbunden sind, fragten wir uns zusätzlich, wie wir wohl in Zukunft Freundschaften gestalten würden: weiter mit dem, was einst war? Oder im Gegenteil weiter mit der Einsamkeit, die wir seit über einem Jahr zu der unseren gemacht haben? Vielleicht aber auch ein echter Neubeginn, dieses Mal mit ganz ganz anderen Menschen? Doch kann man einfach so brechen, wenn eh alles brüchig ist?

Man könnte meinen, der eine Schrecken sei mit dem anderen gar nicht vereinbar. Trauer über Einsamkeit und Erleichterung über sie, das passt nicht recht zusammen. Und doch lag das Problem genau an dieser Schneise, auf dieser Schnittstelle. Es stimmte wirklich beides, mal das Eine, mal das Andere: Überdruss, Sehnsucht. Das Problem bestand genau darin: in diesem Ineinander von – beidem.

Irgendwann, nach vielen Monaten, schrieb eine Hamburger Freundin, sie gucke gerade eine Serie, auf Arte, die heiße „En thérapie“. Jede Folge dauere eine knappe halbe Stunde, gestern habe sie gleich acht auf einmal geguckt, auf dem Sofa in eine Decke gehüllt, ganz gemütlich, denn draussen sei’s winterlich kalt gewesen. Und dann schrieb eine andere Freundin, dieses Mal aus Paris, sie sehe diese Serie auch, auf dem Sofa, mit ihrem Mann, immer abends. So bestärkt durch zwei Hinweise gleichzeitig setzten wir uns also auf unser eigenes Sofa und sahen nun unsererseits die erste Folge von „En thérapie“. Ein Film über einen Pariser Psychoanalytiker, der in seiner Praxis seine Patient:innen trifft, ihr Leben begleitet, während ihm sein eigenes entgleitet (doch entgleitet es ihm wirklich?). Wir sahen die erste Folge, die zweite, die dritte, immer weiter und weiter, denn mit der Zeit stellte sich ein gewisses Gefühl von Vertrautheit ein. Irgendwann wussten wir: Es gibt nur eine bestimmte Anzahl von Patient:innen, diejenigen, die man getroffen hat, wird man also wieder treffen, die Vertrautheit wird wachsen, immer mehr wird man erfahren von ihrem Leben, ihren Schwierigkeiten und inneren Kämpfen.

Und auch die Patient:innen im Film saßen auf einem Sofa, einem roten, dem immer gleichen, der Film war einer großartigen räumlichen Statik verpflichtet. Die Kamera blickt auf den Psychoanalytiker in seinem grossen Sessel, oder sie blickt aus unterschiedlichen Perspektiven, in unterschiedlicher Beleuchtung (je nach Tageszeit, je nach Wetterlage draussen) auf die Patient:innen ihm gegenüber. Sie sitzen auf dem Sofa, diesem roten, ich sagte das schon. Man sitzt, alle sitzen.

Und mit der Zeit begannen wir uns zu fragen, ob es wirklich nur die bemerkenswerte schauspielerische Leistung war, die uns anzog, ob wir wirklich allein fasziniert waren von einem Drehbuch, das, wie schwerlich bezweifelt werden konnte, von Menschenkenntnis und Sinn für Komposition zeugte. Wir zweifelten auch, ob wir wirklich recht hatten, wenn wir meinten, es sei die Stimmigkeit des Ganzen, die uns veranlasste, peu à peu über dreißig Folgen anzusehen (bis zum Ende fehlt gerade nicht mehr viel)?

Irgendwann, ganz zum Schluss, bricht der Film aus dem einen Raum aus, in dem all diese vielen Leben in Form von Sprache am Publikum vorbeiziehen. Irgendwann sehen wir den Psychoanalytiker draußen, bei der Beerdigung eines seiner Patienten, gehüllt in eine warme Jacke, denn es ist Winter, plötzlich nicht mehr sitzend auf seinem Sessel, nicht mehr auf den Beruf des Zuhörens beschränkt. Und uns schien, das sei ganz schlecht geschrieben, sei auch schauspielerisch gar nicht auf der Höhe der vorherigen Geschichten, sei schlicht: enttäuschend.

Und es mag nun durchaus sein, dass auch andere Freunde – die aus Hamburg, die aus Paris – sagen würden, ihnen habe das in der Tat auch nicht so gut gefallen wie alles Vorherige. Aber selbst wenn wir nicht allein bleiben würden mit unserer Kritik, rumort doch eine Frage in uns, die über das (vielleicht) Objektivierbare von Qualitätskriterien, die man an Drehbücher anzulegen hat, hinausgeht. Ist es nicht vielmehr so, dass wir, da den Film, auf unserem Sofa sitzend, zu sehen pflegen, nicht tolerieren können, dass unsere Helden plötzlich nicht mehr auf ihrem Sofa sitzen? Fehlt uns das Sofa? Ist der Blick von Sofa zu Sofa der Hauptgrund, warum wir jeden Abend, mit grosser Regelmäßigkeit, ein, zwei Folgen dieser Serie sehen, und zwar auf dem Sofa sitzend, weil wir andere Menschen auf dem Ihren sitzen sehen wollen?

Wir fragen noch weiter: Werden wir auch darum unruhig, weil mit der Folge Nummer 31 schon abzusehen ist, dass die Schlussfolge mit der Nummer 35 nicht mehr weit ist? Ist es also eine Mischung aus räumlichem und menschlichem Unwillen, der die Kritik steigen lässt? Will man von den Figuren nicht mehr lassen, sind sie so etwas wie neue Freunde geworden, jetzt, wo die anderen, echten, für uns nicht mehr zu erreichen sind, oder (was wahrscheinlicher ist) wir nicht mehr für sie? Hat man außerdem eine ganz uneingestandene Angst vor einer Szenerie, die ja auch zur eigenen werden wird, nämlich: dass man nicht sein ganzes Leben auf dem Sofa verbringen kann, und nun schon gar nicht mit Menschen zusammensitzend, deren Sofa es nur in der Fiktion gibt?

Nun, warum eigentlich nicht, sagen wir uns dann plötzlich und wie im Trotz. Es ist diese Serie sicher weit interessanter und ereignisreicher als viele andere Filme, die nicht bloß auf einem Sofa spielen. Es ist, obwohl die Figuren nichts weiter tun, als in den Raum hineinzukommen, sich zu setzen, am Ende der Therapiesitzung wieder aufzustehen, um sich zu verabschieden (von ihrem Therapeuten, vom Sofa), sehr viel zu sehen, nämlich in den Gesichtern. Zu hören auch: in den Stimmen. Warum sollte es ein Mehr geben? Reicht das nicht schon? Ein Sofa? Mehrere, die man zusammenstellt? Gruppierungen von Realität und Fiktion in einer Konstellation, aus der etwas Neues entsteht?

Doch dann, nach dieser Selbstrechtfertigung, steigt wieder die zweite Frage hoch: dass man vielleicht zwar ein Leben auf dem Sofa verteidigen könnte, dass es aber doch etwas Unheimliches hat, wenn das eine Sofa als eigenes bezeichnet werden muss (aus Holz ist es, und als Bett dient es in der Nacht), das Sofa gegenüber aber eines, das nur auf dem Bildschirm des Computers existiert, auf dem wir die Serie gucken. Zwei Sofas, gut. Ein echtes erst, gegenüber eines, das zur Fiktion gehört. Geht es wirklich an, dass wir diese „fremden Leute“ da im Film irgendwann als ein echtes Gegenüber empfinden, unsere Sofas sozusagen einander gegenüber aufstellen, zufrieden, auf diese Weise im Gespräch zu sein?

Kann das alles gut sein, wenn die Serie zu allem Überfluss auch noch „In Therapie“ heisst und uns mit hineinnimmt in Reflexionen, die nicht nur das Leben der Figuren im Film betreffen, sondern, psychoanalytisch gesprochen, durch Übertragung auch uns selbst? Zeigt sich, mitten im selbstgewählten Lockdown, unsere eigene Therapiebedürftigkeit durch das Bedürfnis, eine Serie ausgerechnet über Therapiegespräche zu sehen?

Serien waren in meiner Kindheit tabu. „Dallas“ war damals in aller Munde, der „Denver-Clan“ auch. Doch ich wusste nie, wovon die anderen sprachen. Die Überwindung des Tabus, das darin bestand, in Serien den vulgären Abklatsch von „echten“, „guten“ Filmen zu sehen, Filmen, die es schafften (wenn sie’s schafften), in konzentrierter Form – eineinhalb, zwei Stunden – eine Geschichte zu erzählen, die haften, die in Erinnerung blieb, ist ein Fortschritt: Ich gebe zu, wir geben zu, dass erzählerisch eine verführerische Kraft von Geschichten ausgeht, die nicht gleich abbrechen, sondern die zum Lebensbegleiter werden, sobald man sich abends auf’s Sofa setzt. Wir geben es zu, wir sprechen über die Therapien, wir sprechen und merken: Es regt vieles an. Wir sprechen über einen Rat, den der Analytiker im Film seinen Patient:innen gibt: dass man, solange man sich in Therapie befinde, keine grundstürzenden, das ganze Leben verändernde Entscheidungen treffen solle; dass es besser sei, sich Zeit zu nehmen, sich bewusst bleibend, wie vieles allein schon durch die Therapie in Umbruch gerät. (Sitzen wir darum so ruhig auf dem Sofa?)

Wir folgen dem Rat. Wir sitzen auf dem Sofa, hören zu, sehen, was therapeutisch gelingt oder misslingt, sehen, wie der Analytiker seinem eigenen Rat nicht zu folgen versteht, folgen ihm trotzdem, folgen ihm sogar deswegen besonders gern, denn die Irrgänge, die auch sein Leben kennzeichnen, die sind ja die Irrgänge von uns allen.

Und hinzu kommt noch, dass der Film einer Reflexion über eine Gesellschaft in der Krise entspricht: Die Attentate auf das Bataclan haben gerade stattgefunden, der Film setzt ein nach den Schrecken dieses 13. November. Jetzt sind wir in einer erneuten Krise, und das, was die Figuren in der Serie sagen – nämlich, dass sie im Gefühl leben, ihre ganze Welt sei bedroht –, wird anwendbar auf uns selbst. Unsere Welt ist nicht mehr wie zuvor, sie wird, selbst wenn es ein Danach geben sollte (doch das ist noch nicht sicher), auch im Danach nicht wieder so sein wie zuvor. Das heisst: Wir ahnen, während die Figuren über ihr Gefühl von Zusammenbruch berichten, wie die Filmidee erneuert werden könnte: Wie würden Therapiesitzungen jetzt, in unserer eigenen Gegenwart aussehen? Wie würde man in Fiktion fassen, was gerade real geschieht? Was würde gesprochen werden, wenn das Sofa des Therapeuten nicht nur nach dem Bataclan zum Sitzen eingeladen hätte, sondern jetzt, in Pandemiezeiten, von Neuem? Wie würde sich Privates mit der grossen Geschichte draussen durchmischen? Welches Verhältnis würde sich, um das Dreieck von Individuum und Gesellschaft komplett zu machen, das Sofa darstellen? Wie würde es sich sitzen auf diesem?

Doch wir sitzen ja schon auf dem Sofa, sitzen schon lange, lange, starren auf das Sofa, das von der Kamera der Filmemacher umkreist wird, während Freunde, anderswo (in Hamburg, in Paris) auf den Ihren sitzen, ohne dass man sich zusammensetzen könnte.

Anne Peiter

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