Corona 231: Verkehrte Welt

Meine Tante ist schätzungsweise die erste, die unser erstes Corona-Buch ganz gelesen hat. Sie findet es stellenweise zu pessimistisch. Aber, so sagt sie, ich bin ja schon 80 und werde bald sterben; ihr seid jung, wie viel mehr Grund habt ihr, pessimistisch in die Zukunft zu blicken!

Bei Hesiod heißt es von den Kindern des letzten, eisernen Zeitalters, in der Schreckensvision einer gottverlassenen Welt, in welcher der gesamte soziale Zusammenhang sich auflöst, dass die Kinder »bei ihrer Geburt schon graue Schläfen bekommen« (Werke und Tage, Vers 180). So steht es bei uns. Die Kinder, angeführt vielleicht von eine jung-Grauhaarigen wie Greta Thunberg, sind die Greise von heute, angefüllt mit düsteren Zukunftsaussichten; sie rufen auf zu dem, wozu normalerweise die alten aufrufen: zu Maß und Verzicht. Und wir, die Alten, sind es, die sich verhalten wie Kinder. Wir ballern die Ressourcen raus, als hätten wir davon unendlich viele, wir verschulden uns unablässig gegenüber der Zukunft, die unseren Kindern, den geborenen und den ungeborenen gehört. Und gerade die Pandemie zeigt, dass wir zu der Klugheit, die unsere Kinder uns abverlangen, nicht befähigt sind. To have the cake and eat it, Fressen und gleichzeitig Abnehmen, Bulimie als gesellschaftlicher Dauerzustand, Lockdown, aber light. Es ist eine verkehrte Welt, in der diejenigen, die Optimisten sein sollten, die Pessimisten sind, und in der umgekehrt sich die Pessimisten auf die Gnade der frühen Geburt berufen, und der Ansicht sind, dass es nach dem Tod schon nicht so schlimm sein wird wie im Leben. Eine verkehrte Welt, in der Erwachsenwerden nicht Mäßigung, nicht Innewerden der eigenen Endlichkeit bedeutet, sondern das Erlernen von Vergeudung und die innerliche Aneignung eines Zustands, in dem die Selbstzerstörung zur systemrelevanten Größe geworden ist. Eine Welt, die noch einmal Hesiod, 700 v. Chr., insgesamt so beschrieben hat:

Dann wird Zeus auch dieses Geschlecht der Menschen vernichten,
wenn sie bei ihrer Geburt schon graue Schläfen bekommen.
Nicht der Vater den Kindern ähnlich, und sie nicht dem Vater.
Nicht wird Gast den Gastwirt, Gefährte nicht den Gefährten,
nicht der leibliche Bruder lieb wie’s früher gewesen …
Faustrecht gilt, da der eine die Städte des andern zertrümmert.
Nicht wird Eidestreue gewürdigt, nicht erntet die Güte,
nicht die Gerechtigkeit Dank, der maßlos frevelnde Täter
steht viel höher in Ehren; denn Fäuste sind Trumpf, und die Ehrfurcht
gibt es nicht mehr. Es schadet der Böse dem besseren Mann,
spricht auf in ein mit krummen Worten und schwört einen Eid drauf.
Neid verfolgt sie alle, die unglückseligen Menschen,
widerlich dröhnend und schadenfroh und finsteren Blickes.
                                                                         … nur trauriges Elend
bleibt den sterblichen Menschen und nirgends ist Abwehr des Unheils.

— und damit einen frühen Entwurf der zahlreichen apokalyptischen und postapokalyptischen Serien geliefert hat, die unsere Gegenwart von unten beleuchten. Glaubt denn ihr, diese Serien seien populär, weil die Menschen per se, durch ihre unveränderliche anthropologischen Verfassung, nach Katastrophen gieren würden? Weil nichts schöner und unterhaltsamer ist als den Zerfall der Gesellschaft in einzelne Horden zu betrachten, die gegeneinander und mit einer auf den Kopf gestellten Natur (z.B. in den Zombie-Serien) ums Überleben kämpfen? Nein, diese Sachen haben Erkennntiswert: Es ist unsere Gesellschaft, unsere Verfassung, die diese Kollektivfantasien süchtig hervorklaubt und gebiert, die der Angst vor der Katastrophe immerhin eine Form zu geben versuchen. Es ist unsere verkehrte Welt, die die Alten jung macht und die Jungen alt, und im allgemeinen Sterben auch die Toten lebendig werden lässt.

Wolfram Ette

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