Corona 247: Ergo …

Eine Zeitlang war ich ja auch für die Aufhebung der Impriorisierung, so à la Söder und Müller, aber zwei Radiosendungen haben mich davon abgebracht, und zwar sehr gründlich, wirklich sehr gründlich:

In der ersten geht es um die Zustände in den Berliner Hausarztpraxen nach der Aufhebung der Prioritätsreihenfolge für den Impfstoff von AstraZeneca. Es scheint ein Run auf sie eingesetzt zu haben; die email-Postfächer sind mit mehreren hundert Mails am Tag voll, ständig klingelt das Telefon und es gibt nur ein einziges Thema: die Impfung. Diejenigen, die anrufen und mailen, sind nicht in der Patient:innenkartei; und vermutlich ist die geplagte Praxis auch nicht die einzige, bei der sie sich melden. Der angestaute Frust der Jüngeren, die sich von vielem, was ihr Leben ausgemacht hatte, ausgeschlossen fühlen, bricht durch; die ordentliche, deutsche Schlange vor den Impfzentren bricht auseinander; jetzt zählt die Kraft der Ellenbogen und es gilt das Recht der Stärkeren und Geschickteren. Diejenigen, die genügend Sammelmails verfassen, und über ausreichend Zeit und Kraft verfügen, sich stundenlang, wieder und wieder, ans Telefon zu hängen, haben die besten Chancen, sich durchzusetzen; und vielleicht sind es auch diejenigen, die am energischsten darauf pochen werden, ihre Rechte wieder wahrzunehmen — von den älteren Menschen, die bislang geimpft wurde, stand das ja nicht zu erwarten, es war ein praktischer Nebeneffekt ihrer Priorisierung.

Die zweite Sendung war ein Interview mit dem Theologen und ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. Seine Forderung war, dass nun die Schülerinnen und Schüler, bei denen es möglich ist, alle Lehrer:innen und die Eltern schulpflichtiger Kinder zu impfen seien. [1] Seit einem Jahr hören wir die Leier, dass die Bildung unserer Kinder ja so wichtig sei; dass die bestehenden Ungleichheiten sich durchs Home Schooling verschärft hätten, dass ganze Schülerkohorten, wenn sie nicht schon verloren sind, verlorenzugehen drohen. Jetzt sei es an der Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen und diejenigen zu unterstützen, die „unsere Zukunft“ seien und mit am härtesten von den Pandemie betroffen seien.

Auch wenn die Phrase von der Zukunft, die unsere Kinder seien, bei mir mittlerweile Beißreflexe auslöst, weil wir, die Abgehörigen einer Elterngeneration, seit dreißig Jahren nichts anderes tun, als diese Zukunft und damit unsere Kinder systematisch zu missbrauchen: Er hat Recht, und man darf diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, die systemisch gewordene Doppelmoral in Bezug auf „unsere“ Zukunft wenigstens dies eine Mal in Moral zurückzuverwandeln.

Und ich möchte noch ein Argument nachschieben, das seine Forderung unterstützt. Es hat ja verschiedene Sprachregelungen gegeben, was die Coronatoten anbelangt. Es hieß dann, jemand sei „an“, „mit“, „durch“ oder „im Zusammenhang mit“ Corona gestorben — letzteres dann, wenn es eine Vorerkrankung gab, die bereits bedrohlich war und die Coronainfektion dazu führte, dass die Vorerkrankten schließlich verstarben.

Parallel dazu halte ich es für legitim, von Erkrankungen zu sprechen, die „im Zusammenhang mit“ Corona aufgetreten seien, die also ohne Corona nicht oder nicht in dieser Form aufgetreten seien. Die psychischen Erkrankungen von Schülerinnen und Schülern, der Burnout von Eltern und Lehrer:innen, aber auch der Verlust einer jeglichen Beziehung zur Schule, Lebensläufe, die nurmehr im Horizont dieser verlorengegangenen Beziehung stattfinden können — all das sind Pathologien der Pandemie, die sich ein Stück weit nicht vermeiden lassen, gegen die aber nun vorgegangen werden müsste.

Die Impfreihenfolge, so wie sie jetzt vorgesehen ist, ist auch eine Reihenfolge der Wissenschaften, die bei einer Pandemie zuständig sind. Dies ist zuerst die V i r o l o g i e ; sie kümmert sich, vereinfacht gesagt, um das, was ein Virus in einem Körper anrichtet, wie es funktioniert, welche Immunantworten er gibt, warum manche Menschen anfälliger dafür sind, schwer zu erkranken und zu versterben etc.. Die gesamte Kategorie 1 war davon bestimmt; und nachdem klar geworden war, dass neben bestimmten Vorerkrankungen es vor allem das Alter es ist, das das Risiko erhöht, schwer an Corona zu erkranken, hat man die Alten als die verwundbarste Gruppe an die erste Stelle der zu Impfenden gesetzt.

Es folgt dann die E p i d e m i o l o g i e , die Wissenschaft von der Verbreitung des Virus in einer Gesellschaft. Im Fokus der Epidemiologen steht nicht die Vulnerabilität der Einzelnen, sondern ihr Beitrag zum Infektionsgeschehen. Die Epidemiologie befasst sich mit dem sozialen Aspekt einer Krankheit, also mit den Fragen: Wer steckt wen unter welchen Bedingungen an? Aus einer strikt epidemiologischen Sicht wären zum Beispiel nicht die sehr alten Menschen zuerst zu impfen, sondern — beispielsweise — die Pfleger:innen als diejenigen, die die Krankheit ins Pflegeheim tragen und die Patient:innen infizieren können. Oder überhaupt Menschen mit berufsbedingt vielen Sozialkontakten, wie zum Beispiel die Kassierer:innen in den Supermärkten oder den Drogerien. Oder Ärzte, die häufig Kontakt zu Coronapatient:innen haben, sich anstecken und die Krankheit damit weitergeben können.

Teilweise, aber eben nur teilweise, ist die epidemiologische Prioritätensetzung in die zweite Impfkategorie eingewandert — dadurch, dass nun Angehörige von Medizinberufen an die Reihe kamen. Andere, wie zum Beispiel das nichtmedizinische Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, war nicht berücksichtigt; das Reinigungspersonal konnte warten. Auch die Mitarbeiter:innen in Supermärkten und den „systemrelevanten“ Bereichen, die für’s Überleben notwendig sind, wurden als weniger gefährdete Personen heruntergestuft; die epidemiologische Perspektive, dass sie, obgleich selbst vielleicht weniger gefährdet, andere, sehr gefährdete Personen anzustecken in der Lage sind, fand — anders als in vielen anderen Ländern — bei uns keine Berücksichtigung.

Es scheint mir nun wichtige, zwei weitere Perspektiven, und mit ihnen einen nichtmedizinischen Wissenschaftskomplex hinzuzufügen. Es sind P s y c h o l o g i e und S o z i o l o g i e . Sie verhalten sich zueinander eben so wie die Virologie und die Epidemiologie – so wie umgekehrt die Epidemiologie ja eine Art medizinische Soziologie ist. In der Psychologie rückt das durch das Virus verursachte Leiden der Einzelnen, in der Soziologie rückt das Corona-Leiden der Gesellschaft in den Blick. Und auch hier könnte man so vorgehen, dass zunächst das Leiden der Einzelnen beim Impfen berücksichtigt wird; also: Es sind die psychischen Erkrankungen Einzelner, und zwar der „Vulnerabelsten“, denen durch eine Impfung insofern Erleichterung geschaffen werden kann, als sie aus ihrer Isolation herauskommen können und sich wieder, so es überhaupt möglich ist, ‚normal‘ fühlen dürfen. Sie können nicht mehr angesteckt werden, also zumindest nicht mehr schwer erkranken; und sie können nach Lage der Dinge die anderen nicht mehr anstecken. Es geht hier erst einmal nicht um ‚Impfprivilegien‘, sondern schlicht um die Möglichkeit, die sozialen Kontakte, auf die wir angewiesen sind und von denen wir in gewisser Weise leben, nicht als vergiftet und gefährlich zu empfinden.

Danach dann müsste man versuchen, die sozialen Pathologien zu beheben, die mittlerweile entstanden sind. An erster Stelle steht dabei, dass unsere Gesellschaft kein sozialer Zusammenhang mehr ist; dass es kaum noch Begegnungen gibt, dass wir als Individuen relativ isoliert leben, dass alle Arten des geneinschaftlichen Vergnügens, Feste, das Fußballspiel am Wochenende, das Großfamilientreffen, der Kneipenabend, verschwunden sind. Das, so scheint mir, ist die zentrale soziale Pathologie, unter der wir leiden. Jede Form gesellschaftlicher Organisation setzt die Einzelnen unter einen Kulturalisierungsdruck; sie wird durch Disziplin, Triebverzicht und Triebverschiebung erkauft; Freud hat das in seiner Schrift über „Das Unbehagen in der Kultur“ auf eine Weise beschrieben, Norbert Elias im „Prozess der Zivilisation“ auf eine andere. Um das aushaltbar zu machen, gibt es die Ventile, durch die gelegentlich Dampf abgelassen werden kann: die dionysischen Umzüge der Vorzeit, Rauschzustände überhaupt, Fest und Ferien, der Karneval – all das, was uns in einem gesellschaftlch vorgegebenen Rahmen ermöglicht, die Anforderungen unseres Alltagslebens für eine Weile zu vergessen.

Dieser gesamte Bereich befindet sich im Lockdown. Seit einem Jahr. Und es besteht für mich überhaupt kein Zweifel daran, dass deswegen die gesamte Gesellschaft „im Zusammenhang mit“ Corona erkrankt ist. Und natürlich bedeutet das, dass die Einzelnen sich deswegen auch krank fühlen: weniger lebendig, mürbe, depressiv, hohl und von einer Disziplin angetrieben, die sich von Woche zu Woche weiter totläuft. Der Run auf die Berliner Arztpraxen, von dem ich zu Beginn berichtete, zeigt an: Die Sehnsucht, das wiederzubekommen, sich als gesellschaftliches Wesen wieder lebendig zu fühlen, ist bei vielen so groß, dass die Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs, vor dem sich die älteren Berlinerinnen und Berliner offenbar fürchteten, damit verglichen bedeutungslos erscheinen.

Ich finde das gravierend: Trotzdem sollte man die sozialen Pathologien, was das Impfen angeht, den individuellen Pathologien nachordnen. Und mir scheint, dass die individuellen Pathologien, also „Corona-Erkrankungen“ ohne Corona in der Schule systematisch am weitesten verbreitet sind. Der Prozess des Erwachsenwerdens ist einer der Abstraktion, eine Bewegung, die von rein körperlichen Beziehungen ausgeht und Techniken erlernt, sie, mit einem altmodischen Wort, zu „vergeistigen“, also in Distanz aufrecht zu erhalten – zum Beispiel nicht in Todesangst zu verfallen, wenn Mutter oder Vater fort sind, weil man sich daran erinnert, dass sie in vergleichbaren Situationen wiederkamen. Von der Fähigkeit, Freundschaften über Jahre hinweg aufrecht zu erhalten, obwohl man sich nicht sieht, bis hin zu derjenigen, etwas für real zu halten, das ich in der Zeitung lese oder im Fernsehen sehe -: Vergeistigung ist die Fähigkeit, räumliche Distanz zu überbrücken, damit aber auch meinen Horizont zu erweitern, das Ferne nah zu rücken, mich aber dadurch auch in die Ferne zu versetzen. Ein schmerzhafter, häufig misslingender, jedenfalls individuell extrem unterschiedlich ausfallender Prozess.

Die Schülerinnen und Schüler stehen mitten in diesem Prozess, der mutmaßlich am bestern verarbeitet und erlernt wird, wenn er sich graduell vollzieht. Daher der Rat von Pädagog:innen, die Kinder nicht plötzlich, sondern allmählich, in sachter Steigerung an die Medien heranzuführen. Sie alle überbrücken, „vermitteln“ Distanz, machen etwas präsent (zum Beispiel auf dem Bildschirm), das „nicht da“ ist.

Sie stehen also inmitten dieses Prozesses, wurden aber urplötzlich aus ihm herausgeworfen, mit einer vorher unbekannten Form von Einsamkeit konfrontiert, mit sozialer Verarmung und Verödung und mit einem digitalen Overkill, der nicht bloß wegen der technischen Anforderungen, sondern an sich, als Distanzmedium überhaupt sie überforderte und für die Pathologien mitverantwortlich ist, an denen sie zunehmend leiden. Und wie bei allen Entwicklungsprozessen lassen sich bestimmte Schritte auch nicht zu beliebig anderer Zeit nachholen; was passiert ist, ist passiert, die Milch ist vergossen; bestimmte Erkrankungen lassen sich nicht mehr oder nur noch in sehr langwieriger Weise heilen.

Deswegen, am Ende dieses Arguments, das ein wenig länger geworden ist als ich mir eigentlich vorgenommen hatte, haben sie, also die Schüler:innen jetzt Vorrang vor allen anderen. Die Empfehlung meiner persönlichen, in mir tagenden Ständigen Impfkommission lautet: dass sie jetzt dran sind, dass also das gesamte System (die Schüler:innen ab 16, wie es momentan erlaubt ist, Lehrer:innen, Eltern) jetzt durchzuimpfen ist, um Schlimmeres zu verhüten und ein weiteres Versprechen zu brechen, dass wir unseren Kindern gegeben haben, indem wir sie, verdammt noch mal auf die Welt gebracht haben.

Wolfram Ette

Anmerkung

[1] Der eigentliche Knüller des mit Dabrock geführten Interviews – die Priorisierung des gesamten Bildungsbereichs – erscheint weder in der Anzeige und Zusammenfassung der Deutschlandfunks, noch erfährt man darüber etwas, wenn man die Suchmaschinen anwirft. Als Quintessenz des Radiobeitrages erscheint „Man verwaltet das Nichtstun“, also die Kritik am Impfgipfel, die im Augenblick relativ billig zu haben ist. Nur wenn man nachliest oder nachhört (Link unten), erfährt man, worum es eigentlich ging, worin der eigentliche Zündstoff besteht. Dabrock hat offensichtlich ein Tabu angesprochen.

Postscripta

1. – Ach ja, worüber ich gar nicht gesprochen habe – die Wissenschaft der Ö k o n o m i e . Verflixt. Sollte man sie nicht auch berücksichtigen? Aber ich kriege sie einfach nicht unter …

2. – Ich weiß nicht, ob meine Mutter für irgendetwas repräsentativ ist. Aber ich fände es in diesem Fall gut. Sie ist über 80 und wartet auf einen Impftermin bei ihrer Hausärztin. Als ich ihr von den Radiosendungen erzählte, den Gedanken auch, die sich an sie anschlossen, wischte sie meine langwierige Argumentation vom Tisch: „Ach was, wir Alten haben unser Leben gelebt; ob wir ein halbes Jahr früher oder später sterben, ist egal; jetzt muss alle Kraft, die wir haben, in die Kinder gesteckt werden, bei denen grad alles kaputtgeht.“ Dass Jüngere so über Ältere sprechen, geht nicht; ergreifen sie selbst das Wort in dieser Weise, hat es, wie ich finde, etwas Bezwingendes und eine Würde, der man sich nicht entziehen sollte.

3. – Nächster Schritt: Die Studierenden – auch so ein Bereich, bei dem mir übel wird, wenn ich daran denke. Seit einem Jahr haben die Universitäten durchgehend geschlossen; soweit ich weiß, ging das nicht mal den Bordellen so. Dementsprechend gering dürfte Wertschätzung dieses Bereichs anzusetzen sein; dementsprechend schwach aber auch seine Fähigkeit, sich zu organisieren und für seine Interessen zu kämpfen. Viele frisch Immatrikulierte wissen bis heute nicht, was das ist: Studieren als Lebensform, etwas, das nicht bloß durch den Kopf, sondern durch den Körper geht, der sich in neue soziale Zusammenhänge begibt. Die Verödung eins Bildungsbereichs, der sich irgendwann einmal die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit zum Ziel gesetzt hat, hat ein neues Niveau erreicht. Das, was daran unverschuldet ist, hat das Verschuldete grell und drastisch zu Tage gefördert – ja, Corona ein Brennglas auch hier. Dass selbst Dabrock die Studierenden nicht einmal erwähnt, zeigt an, für wie irrelevant die Hochschulbildung mittlerweie gehalten wird.

https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=920833
https://www.deutschlandfunk.de/kritik-am-impfgipfel-theologe-man-verwaltet-das-nichtstun.694.de.html?dram:article_id=496334

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