Corona 296: Wer?

Es bahnt sich ein juristischer Prozess an: Auf einer der letzten Demonstrationen hat eine Frau die Frage „qui?“ (= „wer?) auf ihr Plakat geschrieben und dann eine Liste von Namen bekannter Personen folgen lassen, die fast alle jüdisch sind. Da die Stoßrichtung antisemitisch war – impliziert wurde, sie seien es, die für die Pandemie verantwortlich zeichneten –, sind Ermittlungen aufgenommen worden. Es geht um Aufruf zum Rassenhass, und das ist ein Straftatbestand.

An diesem Wochenende hat es frankreichweit erneut Demonstrationen gegeben, und die Frage „wer?“ ist dabei erneut öffentlich geworden. Neue Plakate. Immer dieselben.

Unheimlich ist mir die Kürze, die Verdichtung, mit der provoziert wird. Es wird gar nicht viel gesagt. Es muss auch noch nicht mal auf die Frage geantwortet werden. Es reichen die drei Buchstaben und das ebenso bedeutsame wie verheißungsvolle Fragezeichen, mit dem man diese drei Buchstaben abschliesst. Hat man etwas behauptet? Nein, man frage doch nur. Hat man jemanden angegriffen? Nein, man werfe doch nur eine Hypothese in die Debatte. So in etwa stelle ich mir die Verteidigung vor, mit der die Personen reagieren werden, gegen die jetzt ermittelt wird.

Und die, die’s gelesen haben und gern auch so gefragt hätten, werden erleichtert sein, dass andere zu fragen wagten, denn dann weiß man sich einig in einer Antwort, die historisch nicht immer, doch schon etliche Hundert Jahre stets die gleiche ist, mitunter zwar mit kleinen Abwandlungen versehen, insgesamt aber doch in der Hinsicht stets identisch, dass man im Beisein von anderen sozusagen nur die Augenbraue hochzieht, und schon nicken alle drumherum voller Einverständnis und wissen Bescheid.

Und mir scheint, dass in dieser unserer Zeit, die so klein und niedrig ist, wie sie als zu groß erlebt wird, dieses Bescheidwissen ein wichtiges Phänomen darstellt: Es handelt sich um eine automatisierte Antwort auf Situationen, in denen kein Mensch so recht Bescheid weiß. Wer wollte das in Frage stellen! Die allgemeine Verunsicherung ist riesig, und dauernd tauchen neue Fragen auf, zu denen man sich verhalten muss. Beruhigend ist’s also, dass man wenigstens die eine, immer selbe Frage eindeutig beantworten kann. Klar sind’s die Juden. Sie waren’s doch schon immer. Sie bilden das Fundament, auf dem ein nicht unerhebliches Segment unserer Gesellschaften Stand sucht und standzuhalten versucht gegenüber den Bedrängnissen und Gefahren der Gegenwart.

Und so ist es also die Selbstverständlichkeit, mit der das Fragezeichen gesetzt wird, die mich am meisten stört. Ehrlich wären die Plakate, wenn das Fragezeichen fehlte. Die Antwort wisst ihr doch. Lasst das Fragezeichen weg, damit die Wahrheit an’s Licht trete: Die Frage nimmt die Antwort stets schon vorweg. Wenn die Schreiber einen Punkt oder, besser noch, ein Ausrufezeichen setzen würden, dann bliebe denjenigen, die die Antwort nicht wissen und vor allen Dingen diese Antwort gar nicht wissen wollen, das Fragezeichen verfügbar, doch jetzt in Umkehrung, gerichtet an diejenigen, die’s stets von Neuem okkupieren.

https://www.lemonde.fr/societe/article/2021/08/15/enquete-ouverte-pour-provocation-a-la-haine-apres-la-manifestation-contre-le-passe-sanitaire-a-paris_6091504_3224.html

Anne Peiter

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