Dialektik des Fortschritts

Bachs letzte Werke sind ein Gottesbeweis, ein letzter Versuch, sinnfällig zu machen, dass der geschaffene Kosmos einem Wort, einer Geschichte, oder hier: einem THEMA folgt, und dass die mannigfaltigen Erscheinungen, die uns überwältigen, Variationen dieses einen Themas sind, wieder und wieder durchgespielt bis ans Ende der Zeiten. Es gibt keine Geschichte, nichts Neues ereignet sich unter der Sonne, sondern allein Wiederholung und Abwandlung, Entfernung, Rückkehr zum Zentrum, neuer Gang durch die Welt der Erscheinung.

Man muss sich vorstellen, dass dies um 1750 geschah. Die ersten programmatischen Formulierungen menschheitlichen Fortschritts bei Bacon lagen 150 Jahre zurück, 1752 erschien der erste Band der ‚Encyclopédie‘, 1755 postulierte Rousseau, dass er Mensch sich vom Tier durch unendliche PERFEKTIBILITÄT, also durch die ins Offene voranschreitende Gattungsgeschichte unterscheide. Wir befinden uns im Zeitalter der Hochaufklärung. Das, was Bach in der ‚Kunst der Fuge‘ und im ‚Musikalischen Opfer‘ unternimmt, wirkt seiner Gesinnung nach wie ein zutiefst mittelalterlicher Einschluss.

Gleichzeitig gehören diese Werke zu den technisch avanciertesten der Zeit. Die Dichte der motivischen Verflechtung und die Souveränität der Verfügung über den gesamten chromatischen Tonraum, sind beispiellos und werden erst von Beethoven und seinen Nachfolgern wieder erreicht, die damit ein Erbe antreten, das ihnen von der Sakralmusik übermacht worden war. Die Homophonie der Wiener Klassik kam aus dem Volk; sie war der Versuch, seine Lieder und seine Stimme in der großen Musik zu verankern: eine Art popkulturelle Gegenbewegung ihrer Zeit. Das, was unter dem Titel der Durchführung immer größeren Raum einnahm, die eigentliche Anverwandlung und Umschmelzung des Materials, greift auf ältere Techniken zurück, die von der musikalischen Entwicklung verworfen worden waren.

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