Essen wegwerfen

Ein Artikel in der »Zeit« beschäftigt sich damit, dass in den Industrienationen Lebensmittel in erheblichem Maßstab weggeworfen werden. [1] Das hat viele Gründe, die sich über die gesamte Produktionskette bis hin zum Endverbraucher verteilen. Eine große Rolle spielt aber dabei der Umstand, dass zu viel eingekauft wird. Ein großer Teil der Lebensmittel, die in den Müll wandern, werden in unseren Kühlschränken schlecht. [2]
¶ Was ist der Grund für dieses Verhalten? Es scheint mit einer Struktur zu tun zu haben, die erst der späte Kapitalismus den Konsumentinnen und Konsumenten aufgenötigt hat. Man will sich nicht entscheiden. Das, was aus dem Supermarkt nach Hause transportiert wird, entspricht nur zum Teil dem, was man voraussichtlich braucht. Es handelt sich vielmehr um einen Import des Supermarkt-Regals selbst. Auch vor dem Kühlschrank, auch vor dem Regal in der Speisekammer möchte ich die volle Auswahl haben. Die Entscheidung darüber, was man isst, wird in letzter Sekunde und spontan gefällt. Jede Planung, jede vorgezogene Entscheidung hat ja zur Folge, dass man sich des Möglichkeitsspielraums beraubt, dessen Expansion einer der libidinösen Zentralaspekte dieser Phase des Kapitalismus darstellt. Deswegen muss systematisch zu viel eingekauft werden. Deswegen nehmen wir Tag für Tag, Woche für Woche in Kauf, Lebensmittel wegzuwerfen. Irgendwie sind wir doch reich, wir können uns das leisten. Wer isst seinen Kühlschrank wirklich leer, bevor sie/er wieder einkauft?
¶ Dieses Konsumverhalten scheint aber noch auf einem weiteren dynamischen Fundament zu stehen. Speziell vor den Feiertagen, selbst dann, wenn es sich nur um ein verlängertes Wochenende handelt, nimmt das Einkaufsverhalten fast hysterische Züge an. Die ohnehin schon riesigen Einkaufswagen sind randvoll, man hat das Gefühl, dass ein echter Versorgungsengpass bevorsteht. Dahinter steht nicht nur das Bedürfnis nach freier Wahl. Sondern auch eine Angst: der Kapitalismus mit seinen ungeheuren Serviceleistungen beginnt langsam unglaubwürdig zu werden. Irgendwie ist das alles gar nicht wahr, es wirkt nicht real. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan. Die Fundamente erodieren, Günter Eichs Termiten arbeiten sich durch unser Gesellschaftsgebäude. Jederzeit könnte es zusammenbrechen, jederzeit könnte sich alles als eine riesiger Irrtum herausstellen und wir vor leeren Regalen stehen. Vor den Feiertagen treten die Katastrophenahnungen verstohlen an die Oberfläche.
¶ Diese Angst, die allem Reichtum zum Trotz in den letzten Jahren zugenommen zu haben scheint, hat etwas damit zu tun, dass die reale, d.h. die produktive Wertschöpfung für den Reichtum einer Gesellschaft eine immer geringere Rolle spielt. Es wird sehr viel Geld auf dem Spekulationsmarkt verdient, es gibt sehr viele gut bezahlte Jobs, bei denen nicht mehr ersichtlich ist, was durch sie produziert wird und wem sie eigentlich nutzen, und die offensichtlich wichtige Arbeit wird tendenziell zu schlecht bezahlt. Die Welt ist voll von unnützen Waren, deren Vervielfältigung ihre Nutzlosigkeit nur ganz oberflächlich zum Verschwinden bringt. Auf allen Gebieten sind Tausch- und Gebrauchswert weiter denn je auseinandergetreten. Das ganze System wirkt mittlerweile wie die sprichwörtliche Blase, die beim leisesten Druck von außen zerplatzen könnte.
¶ Dabei geht es nicht darum, ob dies ein realistisches Szenario ist. Das ist es natürlich nicht: der Kapitalismus wird nicht einfach zerplatzen, er befindet sich eher in einem Zustand lang anhaltender Agonie, eines gleitenden und allmählichen Zerfall. Das Bild der zerplatzenden Blase ist ein Mythos. Aber Gefühle leben von solchen Mythen, von drastischen und greifbaren Bildern, aus denen sich überschaubare Geschichten entwickeln lassen. Und für das Verhalten der Menschen sind nicht die Dinge, wie sie wirklich sind, sondern wie sie empfunden werden, verantwortlich. Und es ist eben diese Empfindung, die dahin drängt, diese ganze, von uns geschaffene Welt als eine Phantasmagorie zu empfinden, als etwas hochgradig Irreales. Davor versucht man sich in Acht zu nehmen. Angesichts dessen betreibt man eine Vorratshaltung des Augenblicks, die freilich, weil sie im Übermaß verderbliche Lebensmittel aufhäuft, keine wirkliche Vorratshaltung ist.
¶ Gerade das führt auf ein drittes Motiv. Vielleicht gibt es sogar ein Bedürfnis, Werte zu vernichten. Vielleicht ist die Selbstzerstörungsmaschine, zu der sich der Kapitalismus entwickelt hat, so sehr zum Bestandteil unserer Psyche geworden, dass wir gar nicht mehr anders können als mitzumachen. Die einzige Form, mit dieser Dynamik der Selbstzerstörung seinen oder ihren Frieden zu machen, besteht darin, sich in sie einzuklinken: mitzumachen, sie zynisch zu überbieten, sich falsch zu verhalten, obwohl ich weiß, dass ich es eigentlich nicht tun sollte. Aus dieser Perspektive besteht kein großer Unterschied zwischen dem Erwerb eines SUV, dem vernunftwidrigen Einkauf einer zu großen Menge von Lebensmitteln, und der lustvollen Anhäufung unverantwortlich großer Mengen von Plastikmüll. Man könnte es eine Feuerwerks- oder Jetzt-erst-recht-Mentalität nennen. Man könnte auch sagen, es sei ein dekadentes Verhalten. Wenn ich das Gefühl habe, dass alles dem Untergang geweiht ist (und von diesem Grundgefühl sind alle Epochen bestimmt gewesen, die in der Kunst und Literaturgeschichte dann später als dekadent klassifiziert wurden), was bleibt mir dann anderes übrig, als die Zukunft ganz in den Wind zu schlagen, wie Gegenwart zu genießen, und mich mit der Dynamik des ganzen widerstandslos zu identifizieren?

Nachweise
[1] Die Zeit 40/2018, S. 23-35. https://www.zeit.de/2018/40/lebensmittelverschwendung-mindesthaltbarkeit-verbraucher-einzelhandel-industrie (Paywall)
[2] Ebd.: „Eine Studie der Universität Stuttgart, in Auftrag gegeben von der damaligen Agrarministerin Ilse Aigner, kam 2012 zu dem Ergebnis, dass 61 Prozent der Lebensmittelverschwendung privaten Verbrauchern zuzuschreiben seien. (…) Das Problem fängt damit an, dass die meisten Deutschen zu viel einkaufen. (…) Gegessen wird längst nicht alles. Von allen Lebensmitteln, die der Deutsche in die Tonne wirft, entfallen allein 44 Prozent auf Obst und Gemüse und 15 Prozent auf Brot, wie die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen berechnete. In sechs von zehn Fällen sei die Vergeudung leicht zu vermeiden: Verbraucher lagern die Waren falsch oder denken beim Einkaufen nicht richtig nach. Viele Produkte würden spontan gekauft, angebrochen im Kühlschrank vergessen und erst entdeckt, wenn sich bereits ein Schimmelrand gebildet hat. Einkaufszettel benutzen die Deutschen nur noch selten. Dafür fallen sie auf Sonderangebote herein.“

Werbeanzeigen