Wörterbuch 6: Auf Stand bringen / alles gut

Warum sagt man nicht mehr »auf den neuesten Stand bringen«? Die Redewendung scheint den Anforderung an Verknappung und Verkürzung zu genügen, die auch Formulierungen wie »alles gut« dokumentieren. Man zeigt, wie geschäftig man ist, wie eilig man von Termin zu Termin eilt, und wie wichtig man demzufolge selber ist, indem man die Sprache verknappt. Das ist, spät nachwirkend, das Ethos des Telegrafierens. Da kostet jedes Wort Geld, viel Geld, ja sogar jeder Buchstabe; wenn man das also überhaupt macht, dann muss es sehr wichtig sein, und es sind Wendungen wie Vater verstorben, die in diesem Zusammenhang ikonisch geworden sind.

Es ist freilich eine Sache, sich kurz zu fassen, weil jeder Buchstabe Geld kostet. Es ist eine andere, sich kurz zu fassen, um dies zu suggerieren. Das ist erstaunlich. Denn auch, wenn wir sicherlich in Zeiten leben, in denen alles Geld kostet und der Dämon der Verwertung alles mögliche verschlungen hat, so leben wir doch auch in Zeiten des ubiquitären Geschwätzes, das den Eindruck vermittelt, mit den Buchstaben und Wörtern verhalte es sich nicht so und es sei wohl eigentlich an der Zeit, ihn zu kontingentieren oder mit einer Steuer wie das CO2 zu bepreisen.

Also ist es nur ein Vorwand. Die alte Redensart, derzufolge Zeit Geld sei, mag stimmen. Letztlich dient das Massiv des Marxschen »Kapitals« der Erläuterung dieses Satzes mit allen seinen gesellschaftlichen Konsequenzen. Aber es handelt sich auch um eine Ideologie. Wer den Eindruck erweckt, keine Zeit zu haben, und wer so spricht, als hätte sie / er keine Zeit, möchte dem Gegenüber vermitteln, dass seine Zeit Geld sei – auch und vielleicht gerade dann, wenn dem gar nicht so ist. Das Sprechtempo hat ja in den letzten Jahrzehnten ungemein zugenommen, ähnlich wie das Spieltempo im Fußball. Man schaue sich einmal die EM von 1970 und Bundestagsdebatten aus der gleichen Zeit an. Wunderschön, aber zum Einschlafen. Ob sie, jedenfalls die Bundestagsdebatten, weniger »effizient« waren? Die Formel: mehr Wörter, mehr Sätze pro Zeiteinheit muss nicht bedeuten, dass ihnen auch mehr Taten folgen. Und bessere schon gleich gar nicht. In einer Situation, in der es zumindest vorkommt, dass Worte sich an die Stelle von Taten setzen – eine Schelmin, die Böses dabei denkt -, könnte man sogar auf die Möglichkeit schließen, dass aus mehr Worten weniger Taten folgen. Die Verknappung und Verkürzung, die sich in Wendungen wie auf Stand bringen oder alles gut ausdrückt, wäre dann ein Moment innerhalb der umfassenden Bewegung, in der wir stehen, die Welt durchs Wort zu ersetzen. Der Mensch sprach, und es geschah: nichts. Es sollte auch nichts geschehen, denn immerhin sah es so aus. Könnte es sein, dass die Welt, wie wir sie kennen, zwar untergeht, man es aber gar nicht bemerkt, weil die Worte weiterleben? Im Anfang war die Presse / Und dann entstand die Welt heißt es bei Karl Kraus. Nach dem Weltende herrscht bei ihm wenigstens Schweigen. Können wir uns diesen Optimismus leisten?

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